Wien - "Ich bin halt unfähig", sagt Ute Bock: "Ich kann keinen wegschicken, der vor der Tür steht." Und dort stehen viele, vor allem: viele junge Afrikaner. Jeden, dessen Haut schwarz ist, müsste Bock aber wegschicken: Dienstanweisung. Bock ist Leiterin des Hauses Zohmanngasse, in dem die Gemeinde Wien wohnungslose Jugendliche (rund zur Hälfte Asylwerber) einquartiert. Im September 1999, bei der Drogenrazzia "Operation Spring", schlug dort die Polizei zu, im doppelten Sinn: Kaum eine Tür im Heim kam heil davon. Die Verdächtigen waren: schwarz. Seitdem haben Afrikaner in der Zohmanngasse nach dem Willen der Kommune keinen Platz mehr. Gerade die waren Bock aber ans Herz gewachsen: "Es ist so furchtbar für diese jungen Menschen, wenn sie sich nur wegen ihrer Hautfarbe auf der Straße beschimpfen lassen müssen.""Etwas anderes lernen" Bock ist sich sicher, dass viele der Drogenvorwürfe konstruiert waren. Aber grundsätzlich fragt sie: "Muss ein Dealer nicht auch irgendwo wohnen? Wenn ein Österreicher beim Billa fladert, schmeißt man ihn ja auch nicht aus der Wohnung." Und: Man müsse die Flüchtlinge arbeiten lassen, um ihnen überhaupt eine Chance zu geben, "etwas anderes zu lernen als dealen, trinken und alte Leute übern Schädel hauen". Um ihren Schützlingen nach der Freilassung wieder ein Dach über dem Kopf zu bieten, mietete sie privat eine Wohnung an. Zwar wartet sie auf die meisten bei der "Operation Spring" Verhafteten bis heute vergebens. Aber an obdachlosen jungen Schwarzen herrscht kein Mangel. Also hat Bock inzwischen vier Wohnungen für sie: Zwei stellt ihr ein Privater gratis zur Verfügung, zwei hat sie gemietet. Arbeit als "Tagelöhner" 22 junge afrikanische Flüchtlinge betreut sie; schaut in den Wohngemeinschaften regelmäßig nach dem Rechten, verteilt Haushaltsgeld, Monatskarten für die Straßenbahn oder Lebensmittel. Keiner ihrer Schützlinge hat ein dauerndes Aufenthaltsrecht; wer wenigstens ein provisorisches hat, arbeitet als "Tagelöhner" bei der Straßenreinigung, "das Einzige, was legal möglich ist". Alles Geld wird brüderlich geteilt. Aus ihrer eigenen Tasche hat Ute Bock die Wohnungen renovieren lassen, hat Fernseher, Videorecorder, Stereoanlagen, Waschmaschinen und Mikrowellenherde gekauft und schießt zu den laufenden Kosten nicht wenig zu. Wie viel, damit rückt sie nur ungern heraus: "Na alles, was ich hab'." In eineinhalb Jahren geht Bock in Pension; dann will sie sich mehr um ihre Schützlinge kümmern. Ihre eigene Wohnung benützt sie kaum: Sie schläft in der größten WG. Dort nämlich kommt oft die Polizei zu Besuch: Zehn Schwarze auf einem Fleck, sagt Bock, fallen zu sehr auf. Die Bewohner selbst scheuen den Kontakt mit dem STANDARD: schlechte Erfahrungen mit Fremden, Angst vor Öffentlichkeit. Nur ein junger Mann aus Sierra Leone setzt sich kurz zu uns: "Sie ist wie eine Mutter. Ich bete, dass sie ewig lebt." Kürzlich hat Bock für ihr Engagement den UNHCR-Preis 2000 bekommen: 100.000 Schilling - mit denen sie eine fünfte Wohnung einrichten will. "Das ist es mir wert", sagt sie, "ich will ja etwas beweisen: dass man könnte, wenn man nur wollte." (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 23./24./25./26. Dezember)