Kaum je hat es eine Epoche gegeben, die so anfangstrunken war wie die unsere. Ein wahrer Enthusiasmus fürs Neuern hat sich Bahn gebrochen. Nie zuvor war das Tempo des Verfalls so rasant, nie zuvor überschlugen sich die Veränderungen so turbulent wie heute. Mit geradezu religiösem Eifer werden wir auf das Neue, auf den Vorausgriff in die Zukunft eingeschworen. Die Attribute neu und modern sind das schlagendste Gütesiegel. Dass das jeweils Neuere auch das Bessere sei, steht außer Frage. Für das Überkommene, Althergebrachte findet sich Platz im Museum, in Bibliotheken und ähnlichen denkmalgeschützten Aufbewahrungsorten und Rumpelkammern der Geschichte. Den InnovationsenthusiastInnen sind die TraditionalistInnen ein Ärgernis. Als biedere StubenhockerInnen, ewige SitzenbleiberInnen und retardierende Störenfriede beschimpft, hemmen sie den Tatendrang der InnovateurInnen. So beherrscht ist unser Jahrhundert von der Alleingültigkeit des Neuerns und der herumbessernden Veränderung, dass es die alte Gewohnheit, anstehende Umwälzungen mit der Vorsilbe "Re" zu kennzeichnen, außer Gebrauch hat kommen lassen. Epochale Umbrüche hießen früher "Renaissancen", "Renovationen", "Reformationen" oder "Revolutionen". Sie alle sind heute auf den Generalnenner der "Innovation" gebracht worden, womit unmissverständlich zum Ausdruck gebracht wird, dass man sich das "Zurück" gänzlich aus dem Richtungssinn geschlagen hat. Jede Rück-Sicht erscheint als Rückfall. Unter dem Imperativ der Innovation werden Gegenwartskrisen niemals aus begangenen Irrtümern oder aus Fehlentwicklungen und Fehlentscheidungen erklärt. Jede Rückbesinnung auf einen weniger verdorbenen vormaligen Zustand wird als peinliche und nervenschwache Romantisiererei diskreditiert. Krisen sind immer und ausschließlich Resultat eines Novitätsmankos. Wer in der Krise steckt, ist nicht modern genug. Punktum. Für die InnovateurInnen liegt die Rettung ausschließlich in der Zukunft des nie da Gewesenen. Jedes Moratorium, jedes Innehalten, jedes Zögern ist verlorene Zeit. Deswegen die Überstürzungen in densensationellen Neuerungen, die immer hastiger werdenden Innovationsschübe. Der PriesterInnen der Innovation hat alle Beklommenheit, die den/die AnfängerInnen beschleichen mag, abgeschüttelt. Ihm schaudert nicht vor der Vollendung seines Vorhabens, da er es ohnedies nur unter der Prämisse der Vorläufigkeit unternimmt. Der/die InnovateurIn plagt sich auch nicht wie der/die AnfängerIn mit Grübeleien über die Folgen seines ersten Schrittes. Die Konsequenzen seines Beginnens, seien sie schädlich oder nützlich, sind in jedem Fall eine fabelhaft kraftvolle Herausforderung für neuerliche Innovation. So kann er weder scheitern noch Schaden anrichten. Was immer das Resultat seiner Unternehmung ist, sie dient dem Fortschreiten des Ganzen. Die Idee, dass er sich festlege, ist ihm gänzlich fremd. Wo alles in Rotation gerät und geraten soll, hat die Vorstellung einer nicht hintergehbaren, einer möglichkeitsverwirkenden Entscheidung ihr Existenzrecht eingebüßt. Alle Tat-Folge-Zusammenhänge werden zerschnitten. Die Moral... Ganz und gar verständnislos würde er reagieren auf die wehmütige Feststellung, dass jeder Anfang mit dem zu ihm gehörenden Ende den Schatten des Todes vorauswirft. Die Innovation ist so zukunftsgeladen, so prall von Zukünftigkeit, dass sie geradezu Erlösung von der Vergänglichkeit verspricht, sie mindestens vergessen macht. Über den Triumphen, die den WeltverbesserInnen in rasendem Vorwärtsstürmen von einer Errungenschaft zur nächsten tragen, werden allerdings die Verluste, die am Wegesrand liegen bleibenden Opfer doch vergessen. Sie werden in den Erfolgskalkulationen unterschlagen oder anderen geheimen Ursachen zugeschrieben. Die Moral, zum Beispiel, deren lautloses Verschwinden beklagt wird, wenn es sich allzu negativ bemerkbar macht in Gewaltausbrüchen der uneleganten, hässlichen, brutalen Art, die Moral also ist nicht der grassierenden Unmoral zum Opfer gefallen, sondern dem Innovationsfuror, zu dessen Wesen es ja gehört, nichts überdauernd Gültiges anzuerkennen. ...hat ausgespielt Flexibilität, die heute allem und jedem als erstes Qualitätsmerkmal abverlangt wird, ist unvermeidlich amoralisch. Durch die Pflicht zur Innovation wird die Moral - oder das Gewissen - wirklich abgeschafft und nicht nur wie in Zeiten des Krieges vorübergehend außer Kraft gesetzt. Wenn allem Bleibenden der Krieg erklärt wird, hat die Moral oder die Tugend oder die Haltung ausgespielt. Die Innovation ist ein Double des Anfangs, ein Abklatsch, dem alle Bitternis, alle Bangigkeit, alle Sorge und aller Schmerz ausgetrieben wurde. So kann sie den rück-sichtslosen, das heißt erinnerungslosen, stampfenden Fortschritt, der alles niedertrampelt, was sich seinem Vorwärtsstürmen in den Weg stellt, gegen jeden Einwand immunisieren. Um so erstaunlicher, dass wir in einer Epoche, die so sehr durch die Verunglimpfung und Herabsetzung der Wiederholung geprägt ist, umstellt sind von Doubles, Kopien, virtuellen Verdoppelungen, Fälschungen, Duplikaten und einer Flut von Bildern/Abbildern: eine wahre Obsession in der Herstellung von Ersatzwelten und Substituten bis hin zum Klon. Wie soll man sich diesen Widerspruch erklären, dass die Verachtung der Wiederholung und ihre besessene Vollstreckung gleichzeitig ins Kraut schießen? (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 23./24./25./26. Dezember) Fortsetzung folgt Marianne Gronemeyer, Erziehungswissenschafterin Philosophin und Publizistin, lebt in Zürich.

*) Der Kurzfassung eines Vortrags entnommen, den die Autorin beim vorjährigen Philosophicum in Lech gehalten hat; erschienen bei Zsolnay; Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags Teil 2 - eine Auseinandersetzung mit der "Lizenz zum Klonen" - erscheint zusammen mit einem kontroversiell argumentierenden Beitrag der Wiener Sozialphilosophin Herlinde Pauer-Studer nach den Feiertagen.