Die Wende in der Bundesrepublik Jugoslawien ist mit dem überwältigenden Sieg des Reformbündnisses um Vojislav Kostunica und Zoran Djindjic nicht abgeschlossen, die wahre Wende hat zu den Weihnachtsfeiertagen erst so richtig begonnen. Die Strukturen des Staates werden nun von Grund auf geändert - das ist viel mehr als ein schlichter Machtwechsel von Milosevic, dem westlichen Inbegriff des ganz, ganz Bösen vom Balkan, zu einer demokratischen Regierung. Das politische Erdbeben, das durch die Belgrader "Oktoberrevolution" ausgelöst und durch die serbischen Wahlen irreversibel wurde, wird ein neues Jugoslawien hervorbringen müssen, und das ist gut so. Denn die "Bundesrepublik Jugoslawien" mit Serbien und Montenegro soll nach Slobodan Milosevic' Willen nicht nur der Rechtsnachfolger der auseinander gebrochenen "Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien" sein, die derzeitige Verfassung gibt der jeweiligen Staatsführung viel zu weit gehende Möglichkeiten zur Machterhaltung. Verbleib Montenegros fraglich Montenegro hat aber schon erklärt, in dem alten Staatsgebäude nicht mehr mit Serbien leben zu wollen, ein neuer Bund oder sogar eine Unabhängigkeit von Belgrad wird angestrebt. Damit entsteht zumindest ein neuer Staat am Balkan. Es wird nun die erste große Prüfung für den (eher machtlosen, aber beliebten) Präsidenten Kostunica und den (mächtigen, aber eher unbeliebten) Premier Djindjic, einen Ausgleich mit Montenegro zu finden und eine Staatsform zu schaffen, mit der künftig auch die Kosovaren leben können, auch wenn diese Hoffnungen derzeit noch unbegründet sind. Die serbische Bevölkerung ist heute zwar auf die Demontage des alten, korrupten Herrschaftsapparates der Milosevic-Ära und auf einen politischen Neubeginn vorbereitet, die dringend notwendigen Wirtschaftsreformen könnten das ausgemergelte Volk aber leicht überfordern. Nach den verheerenden letzten zehn Jahren geht die Bereitschaft zum Leiden praktisch gegen null. Es wird am Westen liegen, notwendiges Geld für den Aufbau des Elektrizitätsnetzes, der Gasleitungen, der Wirtschaft und der gesamten Infrastruktur nach Serbien und Montenegro zu pumpen, ohne dass den Nachbarstaaten Belgrads finanzielle Nachteile erwachsen. Serbische Selbstprüfung notwendig Genauso notwendig wird allerdings auch eine Selbstprüfung der Serben sein, wollen sie wieder geachtete Angehörige der europäischen Familie werden. Es wird nicht reichen, Milosevic vor Gericht zu stellen und ihm (oder wechselweise dem bösen Ausland) alle Schuld an den Ereignissen des letzten Jahrzehnts zuzuschreiben. Die Katharsis der Nation ist abhängig von der serbischen Fähigkeit, die Fehler bei sich selbst zu suchen und sich einzugestehen, dass die vier verlorenen Kriege und der damit verbundene Rückfall des Lebensstandards um 100 Jahre selbst verursacht wurden. Es wird die wahre Nagelprobe der neuen politischen Führungsschicht in Belgrad werden, diese Katharsis herbeizuführen. Kostunica und Djindjic haben dabei bis jetzt aber wenig Eifer erkennen lassen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 27. 12. 2000)