Wien - Alfred Kozel wäre jetzt so weit. Er möchte verkaufen. Alles. Das ganze All. Also eigentlich nur Teile davon. Jene, die sich im Leben - und in der Gemeindewohnung - des 70-jährigen Expolizisten angesammelt haben. "Wenn man ein gewisses Alter hat, lässt halt das Interesse nach", meint der letzte noch lebende Beamte, der den Opec-Überfall miterlebt hat. Kozel ist Sammler: Gedenkmünzen, Autogramme, Zeitungsartikel, Fotos, Zeichnungen - alles, was mit den großen, unbekannten Weiten da draußen zu tun hat. "Sechs Millionen", meint der Mann vom Einsatzkommando, "würde ich verlangen." Und zwanzig Prozent für Charity-Zwecke abzweigen. Viel Geld, aber nicht teuer: Schließlich hat ein Adeliger vor eineinhalb Dekaden für den Haufen von Raumdevotionalien (nur Zyniker würden "Weltraumschrott" sagen) dreieinhalb Millionen Schilling geboten. Aber damals war der Weltraumkieberer halt noch Sammler. Kozel ist in der Raumfahrt kein unbeschriebenes Blatt. Obwohl er es nie bis Cape Canaveral geschafft hat ("Die Flugtickets in der Tasche, habe ich mich derstessen."), besitzt er neben der wohl komplettesten Astronauten-Autogrammsammlung auch noch Mondgestein: "In meiner besten Zeit hab ich drei, vier Schnorr-Briefe die Woche losgeschickt. Und der Wernher von Braun hat mich sehr unterstützt." Manchmal half es auch, einfach Polizist zu sein. Etwa als Juri Gagarin, der erste Mensch im All, in Wien war und Kozel ihm einfacher nahe kommen konnte. Doch nicht nur Unterschriften, auch Zertifikate nennt der Mann, der in der Sicherheitsdirektion manchen noch als "Weltraumpolizist" ein Begriff ist, sein Eigen. Etwa jenes, mit dem ihm die Fluglinie PanAm attestierte, als Nummer 33.935 auf ihrer Warteliste für Mondflüge einen der vordersten Plätze zu haben. Um sich die Wartezeit zu verkürzen - und weil schließlich auch in den unendlichen Weiten Recht und Ordnung gewahrt werden müssen - ließ Kozel sich über die Jahre auch polizeilich zu stellaren Amtshandlungen hinreißen. Am "30. Juli 1971/22.13 Uhr" fertigte da zum Beispiel ein "Mond-Pol. Bez. Insp. Alfred Kozel" als Organ der "Mondwache, Bundespolizeidirektion Wien" ein denkwürdiges Unfallprotokoll an: "Wegen Nichtbeachtung des Vorrangsternes durch das Mondkalb mußte der Lenker des Lunar Roving Vehicles, Astronaut David R. Scott, sein Fahrzeug nach links verreißen, wobei er den Astronaut James B. Irwing zu Boden stieß und leicht verletzte." Beilagen: Unfallskizze (samt Astronauten, Bremsspur und Vorrangstern) sowie ein "Unfallfoto". Das Mondkalb grinst hinter einem Hügel hervor. Zeichnungen und Collagen hatten es Kozel immer schon angetan: Raumstationen mit Emblemen der Wiener Polizei finden sich ebenso in seiner Sammlung wie um Raumfahrer erweitere klassische Gemälde - und echte Kunst: Gleich nach dem Ordner mit Fotos, die den Polizisten mit MP ("Damals haben Polizisten anders ausgesehen") oder Friedensreich Hundertwasser ("Der Fritz, der ist immer wieder vorbeigekommen. Jetzt liegt er in Neuseeland - und ich seh' seine Müllverbrennungsanlage immer noch.") kommen die Originale. "Lehmden, Hundertwasser, Attersee", blättert der Pensionist durch ein Markenalbum voller kleiner, All-bezogener Zeichnungen, Skizzen und Bilder, "Kumpf, Helnwein, Picasso, Chagall ..." Äh - wie bitte? "Ja. Schaun S'." Als wäre es eine alte Taxirechnung, zieht Kozel eine bemalte Serviette aus der Mappe. "Das war während der Mondlandung. Hat der Picasso während der Fernsehübertragung hingemalt. Das hab' ich dann von irgendwem geschenkt bekommen." Und der Chagall "ist auch so was", meint der alte Mann ein wenig müde - und lehnt sich wieder in die Gemeindebau-Couch. Zwischen Zinn-Bierkrügen, Pokalen und Seeschlacht-Kupferstichen. "Ich brauch' das alles doch nimmer." Alfred Kozel ist jetzt so weit. Er möchte verkaufen. (Thomas Rotttenberg, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 12. 2000).