Wien - Die wunderbare Verjüngungskur schien eingeleitet, die feierliche Überreichung des Schlüsselbundes ein formeller Akt: Die Schauspielerin Ricky May war bis vor kurzem auserkoren, die Nachfolge von Topsy Küppers anzutreten und mit 1. Jänner 2001 die Freie Bühne Wieden, einen der charmantesten Plüschzauberkästen der Stadt, diskret zu modernisieren. Doch ausgerechnet in der frohen Stille der Weihnachtsfeiertage preschte Küppers ihrerseits vor und entzog der designierten Nachfolgerin das Vertrauen: Sie sei "mit May nicht zusammengekommen", ließ die Kleinintendantin via Agentur ausrichten. Ihr Vertrauen gehöre Gerald Szyszkowicz, ehemals Leiter der ORF-Hauptabteilung Fernsehspiel und jetzt freier Autor. Der aus Graz gebürtige Szyszkowicz sei "eine gute Lösung, ein Vollprofi"; es gebe mit ihm "in allen Punkten Übereinstimmung". Küppers' plötzlichem Sinneswandel ging offenbar eine Reihe von Verstimmungen voraus: May führt an, sich in allen Punkten des Übernahmevertrages mit Küppers bereits mündlich geeinigt zu haben. Als heikel wurde vor allem der Punkt der Ablöse erachtet: Küppers wollte ihre um rund acht Millionen Schilling getätigten Investitionen abgegolten wissen. May gelobte, drei Millionen aufzubringen, säuberlich verteilt auf drei Tranchen. Ihr Subventionsvertrag sieht drei Jahreszahlungen von 1,8 Mio. Schilling vor. Dazu kam noch die Absicht, das Gebäude auf den zeitgenössischen Stand der Bühnentechnik zu bringen. Kostenpunkt: rund 1,2 Millionen Schilling. May, die sich mit Küppers auch über die Abwicklung von Gastspielen wohl nur mündlich einigen konnte, sieht die Verhandlungen als "nicht gescheitert" an: "Wir haben Vereinbarungen, befinden uns in einem Rechtsstaat!" Im Kulturamt nimmt man die neueste Entwicklung mit gelassenem Erstaunen zur Kenntnis: "Woher Szyszkowitz das Geld für eine Bespielung der Freien Bühne Wieden mit Stichtag 1. Jänner hernimmt, ist zunächst sein Problem. Uns liegt kein Konzept von ihm vor." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 12. 2000)