Bild nicht mehr verfügbar.

Foto: Archiv
Chinguetti/Mauretanien - Der Wüstensand bedroht die heilige Stadt Chinguetti in der Sahara. Mit der einst wichtigsten Siedlung im heutigen Mauretanien laufen Kulturschätze von unermesslichem historischem Wert Gefahr, in einem Meer von Sanddünen unterzugehen. Das in der Mondlandschaft der Adrarberge in der westlichen Sahara gelegene Chinguetti ist heute eine vergessene Stadt. Kaum jemand außerhalb Westafrikas hat jemals von ihr gehört. Alter Glanz Dabei war Chinguetti einst ein berühmtes Zentrum von Dichtern und Gelehrten. Karawanen mit Zehntausenden von Kamelen machten hier Rast. Pilger aus der gesamten Region kamen in der Stadt zusammen, um von hier nach Mekka aufzubrechen. Die Mauretanier verehren Chinguetti als die siebtheiligste Stadt des Islams. Das Ende des Karawanen-Handels und die Dürren in den 70er und 80er Jahren bedeuteten den Niedergang der jahrhundertealten Stadt. Die Einwohnerzahl ging von einst 40.000 auf ein paar Tausend zurück. Von den einst elf Moscheen ist nur noch eine erhalten. Die Hauptstraße gleicht einer großen Sandfläche, die flachen Häuser sehen aus wie Sandverwehungen. Ein paar Palmen bilden das einzige Grün. In diesem Labyrinth von Sandpfaden und baufälligen Häusern befinden sich noch immer jene alten Bibliotheken, die einst zum Glanz der Stadt beitrugen und die heute noch einige der wichtigsten Schätze der islamischen Gelehrtenwelt bergen. Man schätzt, dass die drei großen Bibliotheken sowie einige kleinere Büchereien bis zu 10.000 historische Manuskripte enthalten. Verlorenes Wissen Als Chinguetti in den vergangenen Jahrhunderten noch ein Treffpunkt von Karawanen und Mekka-Reisenden war, hatten Pilger Schriften aus dem heutigen Marokko, aus Tunesien, Ägypten, Syrien, Libanon oder dem maurischen Spanien in die Stadt gebracht. Die Manuskripte deckten alle Bereiche der damaligen Wissenschaften ab, darunter Geschichte, Medizin, Mathematik, Astrologie, Archäologie, arabische Grammatik und vor allem Islam-Studien. Die ältesten dieser Schriften sind nach Schätzungen 1.000 Jahre alt. Die Kulturschätze in der Wüste drohen nun dem Vergessen und den vorrückenden Sanddünen anheim zu fallen. "Das älteste Manuskript in unserer Bibliothek hatte man vor 400 Jahren mit Kohle-Stift auf die gebleichte Haut einer Gazelle geschrieben", sagt Mohammed Ould Jidou. Der alte, bärtige Mann in dem weiten Gewand ist der Verwalter einer der Bibliotheken. "Hier hatten früher Gelehrte auf den Stufen gesessen und im Kerzenlicht die alten Schriften studiert", berichtet er. In den Bibliotheken finden sich moderne Bücher - wie eine Biografie des marokkanischen Königs Hassan II. (1929-1999) - neben alten Manuskripten mit faltigen Ledereinbänden und goldenen Verzierungen. "Niemand weiß, wie viele Schriften noch in den verlassenen Häusern der Stadt liegen", sagt Ould Jidou. Der Sand kommt Da zahlreiche Gebäude leer stehen und verfallen, konnte die Wüste in die Stadt vorrücken. Aber es gibt auch Zeichen der Hoffnung. Seit Chinguetti ein Gymnasium erhielt und die Wasserversorgung verbessert wurde, kehrten junge Leute zurück. Die UN-Kulturorganisation Unesco und andere Geber halfen der Stadt bei der Konservierung der Manuskripte. "Manchmal schauen sogar ein paar Touristen hier vorbei", sagt Bibliothekar Mohammed Ould Ghoullam. Könnte man die Schriften nicht an einer anderen Stelle aufbewahren, wo man sie besser konservieren kann? Diese Idee ist für die Bewohner von Chinguetti undenkbar. Die Manuskripte seien in ihre Stadt gebracht worden, damit sie für alle Zeiten dort bleiben, sagen die Bibliothekare. (APA/dpa)