Er las Meister Eckhart, liebte Leibniz.
In den "German Diaries" reflektiert Samuel Beckett sein Verhältnis zu Deutschland.
Eine Entdeckung, findet Klaus Dermutz.
Berlin - Brauch ist es, Bilanz zu ziehen, wenn man am Ende ist. In wenigen Tagen wird das 20. Jahrhundert endgültig eine Pforten schließen. Wenn man überlegen müsste, mit welchem Werk man die Schwelle zum neuen Säkulum überschreiten möchte, käme beispielsweise das uvre von Samuel Beckett infrage. Mit Beckett öffnet sich ein anderer Rück- und ein anderer Ausblick: ausgeträumt träumen. In diesem Rückblick ist der gewaltige Themenkomplex "Samuel Beckett und Deutsch- land" Thema eines internationalen Beckett-Symposiums in Berlin, noch ein unerforschter Kontinent, dessen Kartographie erst allmählich erstellt wird. Neben dem Whoroscope Notebook (datiert vom 2. Oktober 1936), dem Roman Dream of Fair to Middling Women aus dem Jahr 1932, der Korrespondenz mit Thomas MacGreevy sind es vor allem die German Diaries , die ein neues Licht auf Becketts vielfältige Beziehungen zu Deutschland, seiner Politik und Kultur werfen. Deutsche Tagebücher Die German Diaries , deren Edition zum 100. Geburtstag von Beckett im Jahr 2006 erscheinen soll, haben einen Umfang von ungefähr 500 bis 600 Seiten. Die Aufzeichnungen in den Tagebüchern erstrecken sich über den Zeitraum vom 2. Oktober 1936 bis zum 1. April 1937. Während dieser Monate hatte Beckett eine Studienreise durch viele Städte Deutschlands unternommen, im Bewusstsein, so Beckett-Biograf James Knowlson, der künftigen Zerstörung der deutschen Kultur durch die Nationalsozialisten. In den Tagebüchern wird Becketts verblüffendes Interesse an der deutschen Kultur sichtbar. Er hat sich intensiv mit der "coincidentia oppositorum" (Einheit der Gegensätze) und "docta ignorantia" (belehrtes Nichtwissen) von Nicolaus von Cusano (1401-1464) beschäftigt und die negative Theologie von Meister Eckhart (1260-1327) studiert. Beckett faszinierte Gottfried Wilhelm Leibniz' Monadologie und Immanuel Kants Erkenntnistheorie. Er kaufte die Gesamtausgaben von Leibniz und Kant und schickte sie nach Hause. Beckett studierte auch die Beiträge zu einer Kritik der Sprache von Fritz Mauthner (1849-1923). Er besuchte viele Maler in ihren Ateliers und verstand nicht, warum die Dramen von Ernst Barlach nicht öfter gespielt würden. Die "klassische Walpurgisnacht" war Beckett "too much" und sein sarkastischer Kommentar zu Goethes Weltgedicht Faust lautete: "Die Merde hat mich wieder." Vor allem der Welt von Arthur Schopenhauer fühlte sich Beckett hingegen sehr nahe. Gottfried Büttner, mit Samuel Beckett von 1967 bis 1989 befreundet, entdeckt in drei großen Punkten eine tiefe Affinität zwischen diesen beiden Dichtern. Um dem Elend der Welt zu entgehen, schlägt Schopenhauer vor, helfe die Produktion von Kunst, das Mitleiden und die Einübung in die Resignation: Die dritte Empfehlung, die Haltung der Resignation, dürfe, so Büttner, bei Beckett nicht mit einem Abtauchen in die Apathie verstanden werden. Man könnte die Resignation als die Haltung eines Künstlers verstehen, "reiner Spiegel der Wahrnehmung zu sein und mit wachem Bewusstsein das zu reflektieren, was sich schließlich in der Kunst offenbart. Es heißt, die Dinge so zu sehen, wie sie sind." "Was bleibt?" Jener Schopenhauerschen Einübung in die Resignation kommt vielleicht Krapp in Das letzte Band am nächsten. Man könnte Das letzte Band , in Berlin mit einer den Manichäismus von Licht und Dunkel betonenden Inszenierung von Samuel Beckett präsentiert, als das Drama des 20. Jahrhunderts verstehen. Rick Cluchey - ehemaliger Häftling und Becketts liebster Krapp-Darsteller - stellte die Frage des 1958 uraufgeführten Stücks mit einer leisen Stimme: "Was bleibt von all diesem Elend? Ein Mädchen in einem schäbigen grünen Mantel auf einem Bahnsteig? Nicht?" Krapps Frage ist die vielleicht schönste Art, Bilanz zu ziehen und die Passage ins 21. Jahrhundert zu unternehmen. Wir müssen - um ein Bild vom Beckett-Biografen James Knowlson aufzunehmen - mit einem Blick zurück nach vorne springen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 12. 2000)