Nach dem überaus erfolgreichen Psychothriller "The Sixth Sense" legt der junge US-Regisseur M. Night Shyamalan eine weitere beklemmende Abhandlung über Unwägbarkeiten und Verunsicherungen in den nur scheinbar vortrefflich geordneten USA vor: "Unbreakable". Eine Empfehlung von Claus Philipp . Wien - Auf der Website www.areyouunbreakable.com wird derzeit eine denkwürdige Sammlung von Anekdoten inszeniert: In allen Fällen geht es um Menschen, die auf geheimnisvolle Weise Unfälle nicht nur überlebt, sondern völlig unbeschadet überstanden haben. Parallel dazu offeriert das Internetprogramm einen etwas makaber anmutenden Test: Wie würden Sie sich im Falle eines Hochhausbrandes, Schiffsuntergangs oder Zugunglücks verhalten? Und: Lassen Ihre Antworten vielleicht den Schluss zu, dass Sie unverletzlich sind? In Zeiten eines offensiv propagierten Karriere- und Siegeswillens und erst recht in einer Ära, die von titanischer Faszination gegenüber der Katastrophe gezeichnet scheint, muten derartige Fragebögen natürlich geradezu bösartig satirisch an: Was, wenn man den Bogen überspannt und längst viel zu sicher wäre? Was wäre, wenn man reale Unglücke mit derselben Distanz wie bei einem Kinospektakel über sich ergehen ließe, um anschließend den Schauplatz des Desasters fast unbeteiligt zu verlassen? Unbreakable/Unzerbrechlich , der jüngste Film des jungen US-Regisseurs M. Night Shyamalan, evoziert die Gänsehaut, die eine solche Gleich-gültigkeit hervorrufen mag, gleich zu Beginn auf höchst gekonnte Weise. Bruce Willis versucht da in einem Schnellzug mit einer Unbekannten anzubandeln und versteckt diskret seinen Ehering: kein guter Start für einen US-Helden, dem das Publikum weitere 100 Minuten folgen soll. Wenig später: ein Blick aus dem Zugfenster und sogartige Beschleunigung. Schnitt. Fernsehbilder von Waggons, die wie Spielzeug verstreut sind. Und auf der Windschutzscheibe des Überlebenden beunruhigt nach dem Gedenkgottesdienst für über 150 Tote die Frage: "Wann waren Sie zuletzt krank?" Mosaik-System Wie schon im Fall von The Sixth Sense , Shyamalans erster und höchst erfolgreicher Kollaboration mit Bruce Willis, wird es für den Kritiker nun problematisch, will er nicht zu viel von einer Handlung preisgeben, deren Qualität u. a. wesentlich darin besteht, jede Szene, ja, jede Einstellung als Mosaikteilchen zu präsentieren: Einerseits als überraschende Facette, andererseits (rückblickend betrachtet) als Detail, das letztlich nur einen (auch bei Unbreakable ) überwältigend verblüffenden Schluss zulässt. Daher sei an dieser Stelle jetzt der Anfang des zweiten (Helden-)Schicksals in diesem Film umrissen, und diese Kindheit eines Afroamerikaners verhält sich gleichsam spiegelverkehrt zum betäubten Dasein von Willis' Figur: Wieder ein öffentlicher Raum, ein Warenhaus. Jetzt: kein Unglück, sondern vielmehr eine Geburt. Kein Versuch eines Geplänkels zwischen Mann und Frau, sondern ein Gespräch zwischen einem Arzt und einer Patientin. Aber: Fassungslos starrt der Doktor auf den Säugling in seinen Armen: So etwas habe er noch nie gesehen. Arme und Beine des Kindes seien mehrfach gebrochen. Wenige Jahre später tröstet die Mutter ihren von unzähligen Verletzungen verängstigten Sohn mit Superhelden-Comics. Dies führt nun sehr schnell zu einem zweiten Universum der US-amerikanischen Popkultur, das in den letzten Jahren ähnlich erfolgreich strapaziert wurde wie die melodramatischen Verstrickungen einzelner verwundbarer Alltagsbürger am Rande zum Untergang: Die Rede ist von Fantasy-Figuren in bunten Trikots wie Superman , die Defekte zu Waffen machen, oder grotesken Widersachern unverwundbare, muskelbepackte Körper entgegen halten. Kopf-Kino Man stelle nun zum Beispiel diese gefrorenen Heldenposen in einer Art von Kopf-Kino gegen die verzweifelten Schutzhaltungen vor Kollisionen und Untergängen. Man halte Zerstörungsszenarios gegen makellose Inszenierungen von Macht und Stärke und Unbesiegbarkeit. Und dann vollzieht man am besten das, was der Regisseur von Unbreakable auch getan hat: Verzicht auf all diese altbekannten Motive, bis sie als bloße, blasse Erinnerungen die alltäglichen Wahrnehmungen merkwürdig infizieren. M. Night Shyamalan zeigt praktisch keine einzige Gewalttat. Wo Action erwartet wird, blendet er ab. Wo die Bilder zu explizit werden, stellt er sie einfach auf den Kopf, zum Beispiel aus der Sicht eines Jugendlichen, der auf dem Sofa herumlungert - oder eines Mannes, der feststellen muss, dass er soeben dabei ist, im Fitnesskeller olympische Gewichtheberrekorde zu brechen. Praktisch alle wesentlichen Motive der Popkultur seit dem Zweiten Weltkrieg sind in Unbreakable verwoben: Körperkulte bis hin zu Selbstverletzungstendenzen, Heldenverehrung bis hin zu den Kulten rund um Serienmörder, die mangelnde soziale Balance zwischen Weiß und Schwarz - und immer wieder: die nicht funktionierende US-Kleinfamilie in einer Nation, die diese Kleinfamilie als Kernsubstanz hochhält wie kaum eine andere. Diese Kleinfamilie, die, wie das Individuum mit bestehenden Größen- und Geschwindigkeitsverhältnissen kaum mithalten kann, und am Ende sitzen alle wie betäubt in der Küche, und Söhne machen sich, während die Eltern kaum noch miteinander reden, Gedanken darüber, wie Papa wohl im Superhelden-Trikot aussehen würde. Schon in The Sixth Sense hat Shyamalan ausgehend von derart privaten Minidesastern zu atemberaubenden Fallhöhen gefunden. Schon dort war es fast zu spät, zu erkennen, wie dünn das Eis ist, auf dem man tanzt: Millionen Zuseher haben diskutiert, ob dieser Thriller aus der Perspektive eines Toten "plausibel" war. Im Fall von Unbreakable muss sich dieser Tote nun nicht mehr selbst belügen. Bruce Willis' erster Blick verrät alles. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 12. 2000)