STANDARD: Die Idee, die Volksoper mit Musicals zu bespielen, müsste doch in Ihrem Interesse sein. Denn Sie erklärten den hohen Subventionsbedarf dahingehend, dass der Eigendeckungsgrad bei einem kleinen Haus nie so hoch sein kann wie bei einem großen. Wenn Sie nun 1400 Plätze zur Verfügung hätten statt derzeit 1100 im Theater an der Wien...Klausnitzer : Wir bräuchten aber auch einen größeren Markt! Hätten wir ein größeres Haus, könnten wir dieses an einigen Tagen im Jahr füllen, aber insgesamt würde uns das nicht viel bringen: Im Umkreis von Köln leben 20 Millionen Menschen, im Umkreis von Wien aber nur 3,5 Millionen. STANDARD: Sie könnten also mit einem größeren Haus gar nichts anfangen? Klausnitzer : Ja. Wir fahren mit einer Auslastung um die 80, 90 Prozent. Das ist sehr gut, aber wir würden sie nicht wesentlich steigern können. Wir müssten theoretisch mit einer Auslastung von 120 Prozent fahren, um ein Haus, das um ein Drittel größer ist, jeden Tag füllen zu können. STANDARD: Wenn ein Häusertausch für Sie keinen Sinn macht, das Theater an der Wien aber mit Oper bespielt werden soll: Könnte nicht das Ronacher, derzeit Gastspielstätte, als Musicaltheater adaptiert werden? Klausnitzer : Nein. Das ist ja schon einmal erwogen, aber von der Stadt verworfen worden, weil der Umbau eine Milliarde gekostet hätte. Man entschied sich daher für die "sanfte Renovierung". Und bezüglich Theater an der Wien als Opernhaus: Diese Frage wurde seit 30 Jahren immer wieder geprüft, und man kennt bereits die Antworten. Wenn man regelmäßig Oper will, benötigt es, weil es derzeit keine Seitenbühnen, Aufenthaltsräume, Lagermöglichkeiten gibt, den Umbau zu einem Repertoire-Haus, und die Betriebskosten würden zwischen 500 und 800 Millionen Schilling liegen. STANDARD: Es wäre aber auch ein Stagione-Betrieb möglich, der keine permanenten Umbauarbeiten benötigt. Klausnitzer : Ja, aber auch bei einem Stagione-Betrieb fallen, wie der Rechnungshof ermittelt hat, jährliche Kosten von 400 Millionen an - mit dem Effekt, dass das Haus sehr oft geschlossen ist, weil die Produktionen eingerichtet werden müssen. Derzeit gibt es vier Monate Opernbespielung durch die Festwochen, den Klangbogen und andere: Von diesen 120 Tagen ist das Theater 80 geschlossen. Wenn aber die Kulturpolitik drastisch höhere Schließzeiten in Kauf nimmt, kann man über eine ganzjährige Opernbespielung nachdenken. STANDARD: Sie würden theoretisch Opern produzieren? Klausnitzer : Es ist ja grundsätzlich niemand gegen Oper, auch wir sind es nicht. Und wenn unsere Eigentümer sagen, dass Oper gespielt wird, dann wird Oper gespielt. Wir stehen für jede Form der Bespielung zur Verfügung. STANDARD: Könnte es zu Kooperationen z. B. mit den Bregenzer Festspielen oder den Symphonikern kommen? Klausnitzer : Kooperationen sind denkbar, Adaptierungen kosten aber fast so viel wie Neuproduktionen, das haben wir schon durchgerechnet. Und die Wiener Symphoniker müssten signifikant aufgestockt werden, um bei uns die Opern spielen zu können. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 12. 2000)