Genau vor einem Jahr, am 29. Dezember 1999, hätte Riccardo Muti mit Cherubinis "Esterházy-Messe" das Teatro La Fenice wieder eröffnen sollen. Derzeit geben offizielle Stellen als Fertigstellungstermin Ende 2002 an, die Venezianer zweifeln selbst an diesem Datum, erfuhr Gertraud Schneider in der Lagunenstadt.
Foto: teatrolafenice.it
Venedig - Nach Ansicht des Staatsanwalts war Brandstiftung die Ursache der Katastrophe: In der Nacht von 29. auf 30. Jänner 1996 brannte das Fenice bis auf die Grundmauern ab. Die Anklage geht davon aus, dass zwei Elektriker den Brand legten, um eine Pönalzahlung in Höhe von rund 355.000 Schilling (etwa 26.000 Euro) wegen verzögerter Arbeiten zu vermeiden. Mitangeklagt sind Massimo Cacciari, der Bürgermeister Venedigs, der frühere Intendant Gianfranco Pontel und sechs weitere Verwalter und Techniker. Ihnen wird Fahrlässigkeit in der Anwendung der Brandschutzvorschriften im Opernhaus vorgeworfen. Der Prozess geht nach der Anhörung von rund 400 Zeugen und Gutachtern in die Endrunde: Am 15. Jänner wird der Staatsanwalt sein Plädoyer halten, dann sind die Anwälte dran. Da wie bisher nur an Montagen verhandelt wird, werden die Urteile nicht vor Ende März erwartet. Den beiden Hauptangeklagten drohen zehn Jahre Gefängnis. Als das Theater abbrannte, war es fast fertig saniert, zehn Milliarden Lire (71 Millionen Schilling oder 5,2 Millionen Euro) waren investiert worden, um den Zuschauerraum zu vergrößern und (unter anderem) neue Sprinkleranlagen zu installieren. Die aber waren in der Brandnacht noch nicht eingeschaltet. Überraschend schnell begannen die Wiederaufbauarbeiten, die italienische Regierung stellte mit einer Notverordnung Geld für die dringlichsten Sanierungsarbeiten zur Verfügung. Am 31. Mai 1997 wurde der Auftrag zum Wiederaufbau - "com'era e dov'era" "Wie es war und wo es war" - an das Impreglio-Consortium vergeben. Die Bauzeit wurde mit rund 800 Tagen angegeben. Pleite einer Baufirma Und dann begannen die Verzögerungen. Die bei den Ausschreibungen zweit- und drittgereihten Baufirmen Philipp Holzmann AG und Romagnoli legten Berufung gegen die Entscheidung ein, die Arbeiten am Fenice wurden gestoppt und erst eineinhalb Jahre später wieder aufgenommen. Den endgültigen Zuschlag erhielt ein deutsch-italienisches Konsortium aus Holzmann und Romagnoli. Die spektakuläre Holzmann-Pleite verursachte dann weitere Verzögerungen. Schon vor dem Beginn des Wiederaufbaus wurde heftig diskutiert, wie dieser erfolgen solle: das ursprüngliche Fenice von 1792 wieder erbauen, das von 1836 (damals brannte das alte Theater ab, wurde aber binnen eines Jahrs wieder errichtet), oder ob spätere Umbauten berücksichtigt wer-den müssten. Vittorio Gregotti, angesehener Experte der venezianischen Architekturfakultät, plädierte für einen modernen Neubau: "Asche kann man nicht restaurieren, wir müssen das Fenice neu erfinden." Gebaut wird nun das Fenice von 1837, alle dazu erforderlichen Pläne - bis in die kleinsten Details - sind in den historischen Archiven erhalten geblieben. An die Erfordernisse der heutigen Zeit angepasst hat sie der Architekt Aldo Rossi, der "Poet der Architektur", der im September 1997 bei einem Autounfall ums Leben kam. Komplizierte Akustik Der schwierigste Teil des Wiederaufbaus wird die Herstellung der früheren Akustik sein. Eine ausgeklügelte Vertäfelung und bis zu 40 Meter lange Holzbalken (teilweise aus Tirol angeliefert), die im Dach verarbeitet waren, sicherten dem alten Fenice eine außerordentlich gute Klangwirkung. Der Experte Manuel Cattani meinte 1997, dass entsprechende Hölzer schon "vor vier oder fünf Jahren hätten bestellt werden müssen". Derzeit spielt das Ensemble des Fenice im "PalaFenice", einer Zeltkonstruktion nahe dem Parkhaus Tonchetto, und hat die Besucherzahlen vervielfachen können. Die Tourismusindustrie hat sich der Werbewirksamkeit der Brandruine besonnen und verkauft vor der fast unversehrt erhalten gebliebenen Fassade auf dem Campo San Fantin Fenice-Souvenirs aller Art, auf einer Video-Wall wird die Katastrophe in Endlosschleife wiederholt. Gegenüber dem wasserseitigen Eingang versammeln sich die still um das Baujuwel Trauernden, betrachten die derzeit ruhige Baustelle, manche legen Blumen hin oder stellen brennende Kerzen auf - und warten auf die Auferstehung des Phönix. Hoffnung gibt, dass das vergoldete Emblem des Fenice, eben der Phönix, den Brand unversehrt überstanden hat. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 12. 2000)