Wien - "Eindeutig verbessert" hat sich nach Ansicht von Beate Winkler, der Direktorin der in Wien angesiedelten Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC), ihr Verhältnis zur österreichischen Regierung. Sie habe seit der Auseinandersetzung um die Eröffnung der Beobachtungsstelle, bei der die Regierung dezidiert nicht eingeladen war, die Gelegenheit gehabt, ihre Arbeit sehr klar zu erläutern - und auch die damalige Vorgangsweise zu begründen, so Winkler im APA-Interview. Zur gesellschaftlichen Entwicklung in Österreich seit der Bildung der schwarz-blauen Koalition sieht Winkler widersprüchliche Tendenzen. Betroffene - AfrikanerInnen, Roma, Sinti, aber auch Hilfsorganisationen - würden berichten, "dass sich für sie dieses Klima sehr negativ verändert hätte. Das ist das Eine. Auf der anderen Seite können wir auf Grund von Eurobarometer (EU-weite Umfragen, Anm.) überhaupt nicht sagen, dass sich die Situation verschlechtert hat". Die EUMC-Direktorin hat noch eine weitere Beobachtung gemacht: "Die Situation hat sich sicherlich in der Bevölkerung sehr polarisiert. Und das ist auch etwas, was langfristig wahrscheinlich auch noch belasten wird." Gleichzeitig sei aber auch eine Sensibilisierung eingetreten, die sich etwa in gemeinsam mit der Exekutive organisierten Fortbildungsmaßnahmen zeige. Winklers Resümee: "Es gibt viele positive Entwicklungen und es gibt viele negative Entwicklungen." In welche Richtung der Wiener Wahlkampf ausschlagen wird, will sie nicht prophezeien: "Das wird sicherlich eine Zeit, in der sehr viel Aufmerksamkeit nicht nur von Österreich, sondern auch innerhalb der EU und von außen auf Wien konzentriert wird. Ich hoffe sehr, dass dieser Wahlkampf anders sein wird als der letzte Wahlkampf. Das ist unsere Hoffnung." AusländerInnendebatte greife zu kurz Bei allem Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit unterstreicht Winkler aber ganz klar, dass Ängste ernst genommen werden müssen und Probleme nicht unter den Teppich gekehrt werden dürfen: "Fremdenangst hat jeder Mensch, das darf man überhaupt nicht abstempeln oder als Fremdenfeindlichkeit zur Seite drängen." Die AusländerInnendebatte und herrschende Ängste in Österreich auf einen relativ hohen AusländerInnenanteil zurück zu führen, greife aber zu kurz. "Man sagt immer, Österreich hat eine sehr hohe Zahl. Österreich hat aber deswegen eine relativ hohe Zahl, weil die Einbürgerungspolitik restriktiver ist als beispielsweise in Frankreich." Vielmehr bemüht Winkler als mögliche Erklärung das viel zitierte Bild des "waschechten Wieners": "Ein Großteil der österreichischen Bevölkerung hat einen eigenen Hintergrund von Einwanderung, von Migration. Und gleichzeitig ist die Abwehr so groß. Wenn ich einfach einmal wahrnehme, dass die eigene Sprache nicht geduldet wurde, verdrängt wurde, dann kommt es dazu, dass man dann diesen Teil von einem selber auch negativ behaftet, dass man sich an das eigene Schicksal, an die eigene Herkunft eben auch nicht erinnern will. Das Problem ist zu nah." Ausdrücklich warb Beate Winkler im Zusammenhang mit AusländerInnen und ZuwandererInnen auch die positiven Seiten darzustellen. "Gerade im Bereich der Medien geht es auch darum, dass man dieses Thema aus dem Negativzusammenhang herausholt und deutlich macht, welche positiven Elemente es gibt, welche kulturellen Einflüsse auch zu einer Innovation geführt haben - ohne die Probleme zu verschweigen." Winkler weiter: "Es wird viel zu stark polarisiert in Gut oder Böse, es ist vielfach ein Schwarz-weiß-Denken vorhanden und keiner kümmert sich um die faszinierende Farbe Grau." Als Ziel ihrer Arbeit sieht es Winkler jedenfalls an, dass das Phänomen Fremdenfeindlichkeit sich so reduziert, dass man eine Einrichtung wie uns nicht mehr braucht. Tatsächlich sei allerdings das Gegenteil der Fall. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gebe es europaweit, Gewalt sei im Zunehmen. Das Problem sei eines der komplexesten überhaupt in unserer Gesellschaft, so Winkler. Sich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit einzusetzen sei daher Sache aller gesellschaftlichen Gruppen, so die EUMC-Direktorin. Die Politik etwa müsse eine klare Orientierung vermitteln, dass MigrantInnen und Minderheiten akzeptiert werden. Wesentlich seien auch gesetzgeberische Maßnahmen - etwa das Antidiskriminierungspaket der EU. Auch Schulen und Kindergärten hätten eine wichtige Rolle, genauso wie die Kirchen. Menschenrechte sind nicht disponibel Gelungene Integration hängt für Winkler aber nicht nur von der Mehrheit ab. "Das Zusammenleben ist keine Einbahnstraße. Und es geht genauso auch darum, dass Minderheiten auch sehr klar die Gesetze einhalten müssen, die Menschenrechte. Man kann zum Beispiel nicht die Diskriminierung von Frauen mit dem Recht auf kulturelle Unterschiedlichkeit rechtfertigen. Die Menschenrechte sind nicht disponibel. Das ist unsere Basis." ZuwandererInnen müssten auch die Sprache ihres Gastlandes verstehen: "Es ist für eine Gesellschaft schon schwierig, wenn ein größerer Teil der Minderheiten die Sprache nicht gut spricht." Sprachkompetenz habe auch sehr viel mit der Bereitschaft zum Zusammenleben zu tun, so Winkler anhand eines Beispiels aus Deutschland. Türkische ZuwandererInnen der dritten Generation hätten dort zum Teil schlechtere Sprachkenntnisse als solche der zweiten. Winkler: "Man erklärt das damit, dass sie sich ausgegrenzt fühlen. Sie wenden sich zurück, um auch ihren Stolz zu gewinnen. Und das ist ein typisches Phänomen für eine misslungene Integration der dritten Generation." (APA)