Wirtschaftliche Entwicklungen laufen oft in unterschiedlichen Geschwindigkeiten ab. Neue Technologien verändern die Unternehmenswelt auf Jahre hinaus, konjunkturelle Zyklen sind etwas kurzlebiger, und an Börse ist manchmal eine Woche eine Ewigkeit. Die New Economy hat das abgelaufene Jahr in all diesen Formen geprägt. An den Börsen schien es die ersten drei Monate, als ob die Informationstechnologie die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft gesetzt hätte. Doch wie jede spekulative Blase musste auch diese platzen, und sie tat es mit unerwarteter Härte. Dank Kartellurteil gegen Microsoft, anhaltenden Verlusten von Internet- stars wie Amazon.com und den überhöhten Kosten für UMTS-Lizenzen und Telekom-Übernahmen sind die schnellen Milliardengewinne an der Nasdaq und dem Neuen Markt ebenso schnell wieder zerronnen. Doch dies tat dem Wachstum der Weltwirtschaft, das ebenfalls von der New Economy zehrte, lange Zeit keinen Abbruch. Die US-Konjunktur nahm von Quartal zu Quartal an Dynamik zu und trieb den Dollar zu ungeahnten Höhen. Der schwache Euro belebte die europäischen Exporte und verhalf damit der EU zum stärksten Wirtschaftsjahr seit einem Jahrzehnt. Nach Jahren der Sorge über hohe Arbeitslosigkeit war plötzlich der Arbeitskräftemangel das große Thema - vor allem unter Computerexperten, aber auch in anderen Bereichen. Und die fast schon vergessene Inflation kehrte zurück, weil der Ölpreis ebenso schnell stieg, wie der Euro fiel. Erstmals seit 1980 war das Wort "Energiekrise" wieder in aller Munde - vor allem in jenen Ländern, wo aufgebrachte Frächter die Öllager blockierten. Neue Dimensionen Die Börsenhausse eröffnete neue Dimensionen für Unternehmensübernahmen. Statt mit teurem Bargeld zahlte Vodafone mit den eigenen Aktien für Mannesmann, AOL für TimeWarner und die HypoVereinsbank für die Bank Austria. Diese Deals waren allerdings um einiges weniger wert, als die Fusionen endlich vollzogen wurden. Die Erfahrung, dass drei Viertel aller Firmenzusammenschlüsse scheitern, schien die Manager genauso wenig zu beeindrucken, wie sich Anleger von fehlenden Gewinn- oder gar Umsatzaussichten abschrecken ließen. Erst zu Jahresende begann das konjunkturelle Wetter umzuschlagen: Die US- Wirtschaft bremste sich ein, und die hochtrabenden Prognosen für das nächste Jahr mussten Stück für Stück zurückgenommen werden. Chancen Für die neue österreichische Regierung bot die durch New Economy veränderte wirtschaftliche Landschaft zwei Chancen: dank der Hochkonjunktur ohne politisch schwer verdauliche Belastungen das Nulldefizit zu erreichen und einige der Staatsunternehmen über die Börse gewinnbringend zu verkaufen. Während das Wachstum solide genug erscheint, damit das erste Vorhaben aufgehen könnte, lief der Regierung für das zweite Projekt die Zeit davon. Als die Telekom Austria im November an die Börse ging, waren Technologieaktien bereits im Keller. Die Enttäuschung der ÖIAG über den geringen Erlös wurde nur noch von jenen der Anleger übertroffen, die bis Jahresende ein Drittel ihres angelegten Geldes davonschwimmen sahen. Auch wenn die New Economy zu Jahresende schon ziemlich alt ausschaut, wird sie für viele Branchen sehr wohl die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllen. Zwar wurden auch heuer die meisten Weihnachtsgeschäfte im Geschäft und nicht im Internet gekauft, aber in der Unternehmenswelt hat vor allem im Business-to-Business-Bereich die Internet- Zukunft erst begonnen. (DER STANDARD, Printausgabe 30.12.2000)