In der Peripherie ihrer entlegenen Wohnorte gründeten Walter Grond, Martin Krusche und Klaus Zeyringer den literarischen Salon im Internet als internationales Debattenforum. Cornelia Niedermeier besuchte "house", eines der spannendsten Literaturprojekte im Netz. Wien - Vor just einem Jahr, während des Silvesterfestes 1999, wurde im niederösterreichischen Aggsbach der Grundstein gelegt zu einem virtuellen Haus der besonderen Art. Drei entschiedene Bewohner der Peripherie, der Schriftsteller Walter Grond, der Computerspezialist Martin Krusche und der Germanist Klaus Zeyringer, im realen Leben Hunderte Kilometer voneinander entfernt logierend, beschlossen, aus dieser Not keine Tugend, aber ihr zum Trotz einen gemeinsamen Salon zu machen: im Internet. Das Projekt [house] über das fremde und die peripherie (ein salon) , Webadresse http://www.kultur.at/house.htm war geboren. Gäste wurden gebeten, es wurde debattiert, diskutiert. Heute finden sich neben deutschen, englischen, französischen, bosnischen, serbischen, kroatischen vermehrt auch arabische Autoren unter den Geladenen. Arabische Schriftzeichen signalisieren babylonische Sprachverwirrung. Mehrere Recherchereisen für sein jüngstes Buchprojekt, einen historischen Roman, hatten Walter Grond nach Ägypten geführt. Der Gast als Gastgeber lud die Ägypter in seinen Salon. Doch der Reihe nach: Von den herkömmlichen Literaturprojekten im Internet ( am pool , null [z.Zt. offenbar defekt - Anm. derstandard.at], 13 [Wer weiß die URL? - Anm.]) unterschied sich der house -Salon von Anfang an durch seine komplexere Struktur. Basiert das gemeinsame Fortspinnen von Internetliteratur andernorts auf einem entspannten, in chronologischer Folge gereihten Gedankenaustausch, einem Chat meist nicht unähnlich, baute das house -Basisteam seinem Salon einen Gründungstext ins solcherart stabilisierte Fundament: Old Danube House , Gronds letzter Roman, ist der abwesend anwesende steinerne Gast. Entlang der in Old Danube House formulierten Fragestellungen rund um das Fremde/das Eigene wurde ein Grundgerüst für den komplexen Hypertext konstruiert. Themen, die im Roman angerissen wurden, werden im Internet auf verschiedenen Ebenen fortgeführt. Beziehungsweise die Rede über das Fremde und die Peripherie durch die Rede von Fremden aus der Peripherie des mitteleuropäischen Standorts erweitert. Eine Internetvariante des von Walter Grond schon vor Jahren (in seinem Homer -Projekt) angedachten Experimentierens mit dem Autoren-Begriff. Debattierclubs Nach mehreren Umstrukturierungen (deren Genese sich im Punkt "Kommunikation" nachlesen lässt, der den regen Briefwechsel der Projektväter archiviert), unterteilt sich das house heute in mehrere Salons, in denen sich die verschiedensten Debattierclubs niedergelassen haben. Unter "Verlag" beispielsweise wird das Internet als Datenspeicher genutzt, um fertige Texte zu sammeln, gewissermaßen virtuell zu verlegen. Die Texte unterliegen einer redaktionellen Vorauswahl und gliedern sich in verschiedene Debatten über "Kunst und Gesellschaft", "Paradigmen/ Wechsel: Pluralitäten und die ganze Welt". Namhafte Autoren wie Dubravka Ugresic (Auszüge aus ihrem Debatten-Beitrag "Zukunft" siehe rechts) und Dzevad Karahasan zählen zu den schreibenden Gästen. Im Salonraum "Erzählungen" fließt virtuelles Blut durch das K.u.K.-Kinderzimmer - K inder u nd K rimi: Österreichs jüngste Kriminalautoren greifen zum Messer und entwickeln ihren eigenen Mordfall. Mord(e) in Rijeka und Am Friedhof wurden bereits begangen und gelöst. Martin Krusches flaming roadshows und telenovelas wären zu erwähnen. Bilder, die ihre Geschichten selbst erzählen: der Bildschirm als Autor. Ein noch weiterer Autorenbegriff tut sich auf. Grenzen: vorerst keine. Auch zeitlich übrigens nicht: Der Planungswille der virtuellen Häuselbauer ist weiterhin ungebrochen. Nur eine Subvention erhofft sich das bisher allein auf Selbstausbeutung gegründete Unternehmen. Um der babylonischen Sprachenvielfalt eine englische Vollversion zur Seite zu stellen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 1. 2001)