In den nächsten zehn Jahren könnte gelingen, woran Wissenschafter seit Jahren intensiv arbeiten: die Entwicklung von Quantencomputern, welche die Leistungsfähigkeit aller heute bekannten Superrechner bei weitem in den Schatten stellen. Einer, der an vorderster Front dabei ist, äußert sich auch öffentlich gerne darüber: Der Physiker Anton Zeilinger. Zeilinger: Zeit ist das, was Uhren messen. Zeit ist nichts Absolutes, genauso wenig wie der Raum. Nach Einsteins Relativitätstheorie hängt der Ablauf der Zeit davon ab, mit welcher Geschwindigkeit ich mich bewege oder in welchem Gravitationsfeld ich mich befinde. Es stellt sich daher die Frage, ob es möglich ist, Entfernungen beliebig schnell zu überbrücken. Einstein zeigte die Lichtgeschwindigkeit als maximale Grenzgeschwindigkeit. Er hat als Erster erkannt, dass die Quantenphysik das infrage stellt. Er untersuchte zwei Teilchen, die von einer Quelle ausgesandt werden. Die Beobachtung des einen beeinflusst sofort die gesamte Information, die das andere Teilchen trägt, egal, wie weit entfernt es ist. Zweite Frage: Kann man das für etwas verwenden? Vor zehn Jahren hätte ich geantwortet: völlig sinnlos. Das hat sich geändert. Genau diese Fragen sind jetzt die Grundlage für neue Verfahren der Informationsübertragung und -verarbeitung wie Quanten-Teleportation, im Volksmund "beamen" genannt.

Keine Illustration

Köhlmeier: Die Mythologie kann nicht die Quantenphysik illustrieren, und ich glaube nicht, dass die moderne Physik etwas erhellt, was wir in den Mythen kennen. Aber ich denke, dass beide aus dem-selben Topf schöpfen. Götter sind unsterblich. Aber in welcher Zeit leben sie? Sie sind zeitlos, im wahrsten Sinne des Wortes langweilig. Der Mythos wäre nicht zustande gekommen, wären da nur Götter und Menschen. 99,9 Prozent unserer Zeit sind nicht erzählenswert. Der Mythos erfand daher die Heroen als Zwischenwesen. Sie sind auch sterblich, ihre Zeit ist dynamisch, sie sind für uns vorbildlich und nachvollziehbar. Götter sind statisch. Ihre Zeit ist nie profan, immer heilig. Erst der Heros erschafft die Zeit. Zeilinger: Noch zum Beamen. Was ist das eigentlich? Bisher waren es ausschließlich Photonen, also Lichtteilchen. Man muss sie in einen Quantenzustand bringen, das geht nur mit Molekülen, die aus 60 Kohlenstoffatomen bestehen. Mit Teleportation befassen sich nur drei oder vier Gruppen auf der Welt. Beamen ist ein moderner Mythos und eine der Sehnsüchte der Menschen. Man muss abwarten, es ist klar, dass aus diesen Dingen eine neue Technologie kommen wird. Köhlmeier: Möglichst schnell zu reisen, ist das wirklich ein Traum der Menschen? Ich glaube das nicht. Der Wunschtraum dahinter ist der nach Allgegenwart. Gott ist einfach da, ist die Welt. Wenn ich davon ausgehe, dass die Welt da ist, wo ich bin, kann ich ganz gelassen sein. Zeilinger: Ist das vielleicht daher, weil Gott für viele Menschen keine große Rolle mehr spielt?

Großes Loch

Köhlmeier: Gott hat ein großes Loch hinterlassen, wenn niemand mehr verspricht, dass er da ist, dann ist das neurosenbildend. Zeilinger: Bei einem Treffen mit dem Dalai Lama ging es beispielsweise nicht um theologische Fragestellungen, sondern um erkenntnistheoretische. Beide schöpfen aus demselben Topf. Er wollte wissen, ob es hier Parallelen zwischen der Physik und dem Buddhismus gibt. Ich bilde mir ein, das gesehen zu haben. Die Wirklichkeitsfrage zum Beispiel: Das Weltbild des Buddhismus ist viel rationaler, logischer und klarer, als es oft im Westen dargestellt wird. Er konnte nicht akzeptieren, dass wir Dinge entdeckt haben, die einfach zufällig sind. Er hat gesagt: "Dann schaut genauer." Er ist völlig deterministisch. Publikumsfrage: Sehen Sie Zusammenhänge zwischen Ihren Erkenntnissen und den Erkenntnissen der Bibel? Zeilinger: Was mich fasziniert, ist der Beginn des Johannesevangeliums: "Am Anfang war das Wort." Wirklichkeit und Information, das Wort, stehen auf einer gleich wichtigen Stufe. Publikumsfrage: Wie halten Sie es mit den Zeitreisen?

Spielerei

Zeilinger: Ich fürchte, ich werde Ihnen das auch vermiesen müssen. Der Mathematiker Kurt Gödel hat gezeigt, dass es Lösungen der allgemeinen Relativitätstheorie gibt, wo man in die Zukunft geht und aus der Vergangenheit zurückkommt. Für mich sind das alles schöne Gedankenspielereien. Die Welt muss logisch konsistent sein, deshalb sind Zeitreisen ausgeschlossen. Köhlmeier: Zeitreise in diesem Sinn ist keine mythische Sache. Die Gleichzeitigkeit des Göttlichen macht es nicht notwendig, in die Vergangenheit zu reisen. Auch eine Zeitreise zu den Vorfahren war nicht notwendig, weil man die Genealogie mit sich trug. Zeilinger: Das kann man ganz klar beantworten. Der Beobachter kann sich entscheiden, was er beobachtet. Will ich jetzt wissen, wo das Teilchen ist oder wie schnell es ist. Dadurch entscheidet er, welche Qualität das Phänomen hat. Aber er kann nicht den Wert beeinflussen. Der Text basiert auf einer Diskussion, die unter der Leitung von Alfred Payrleitner von max.mobil und "Wirtschaftsblatt" veranstaltet wurde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 1. 2001).