Die Meinungsumfragen zeigen zurzeit ein inkohärentes, aber interessantes Bild. Sieht man sich beispielsweise die Performance der Grünen und ihres Chefs Alexander Van der Bellen an, so könnte man meinen, dass starke Politiker mit guten persönlichen Werten auch ihre Partei nach oben ziehen. Das wird allerdings von allen anderen Parteien eindrucksvoll widerlegt: Alfred Gusenbauers SPÖ ist zwar an erster Stelle, der Vorsitzende grundelt allerdings im Niemandsland. Noch mieser geht es nur Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer, deren jämmerliche Umfragewerte der bescheidenen Vorstellung ihrer Partei entsprechen. Und die ÖVP? Die hat zwar auf Kosten der Freiheitlichen kräftig zugelegt, noch nie wog jedoch ein Kanzlerbonus so leicht wie jener Wolfgang Schüssels: Seine persönliche Beliebtheit übertrifft die der Partei nur geringfügig.

Die Schlüsse daraus liegen auf der Hand. Die Wähler schätzen die Lage anscheinend differenzierter ein, als es den Parteistrategen lieb sein kann. Sie setzen eine Oppositionspartei an erste Stelle, die das Sanierungsprogramm der Regierung bisher überhaupt nicht thematisieren konnte. Das Hoch der SPÖ ist dennoch deutlich hausgemacht - und zwar im Haus der schwarz-blauen Koalition. Wobei hauptsächlich die FPÖ ihr Fett abbekommt: Offenbar sind ihre Ressorts doch nicht so attraktiv wie erwartet. Die ÖVP wieder wird von ihren Fans dafür belohnt, dass sie nach dreißig Jahren endlich wieder Kanzlerpartei ist.

Das lädt zu allerdings unfruchtbaren Gedankenspielen ein: Was wäre, wenn die SPÖ einen Charismatiker an der Spitze hätte? Oder die ÖVP einen ansatzweise als Staatsmann erkennbaren Kanzler? Und die FPÖ eine(n) Vize, der/die mehr als ein nachgeschalteter Regierungslautsprecher wäre? Wir müssten vermutlich eine Wende registrieren: von der fantasielosen Verwaltungs- zur diskursintensiven Konkurrenzdemokratie. (D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 8. 1. 2001)