Washington/London - Australische Forscher haben laut New Scientist völlig unabsichtlich ein Virus gentechnisch so verändert, dass es absolut tödlich ist. Zwar sind die Opfer Mäuse, aber zum einen ist das Virus verwandt mit einem, das Menschen befällt - Pocken -, und zum anderen kommt die Meldung in ein Klima, in dem in den USA Verteidigungsministerium und Forscher gerade wieder einmal Biowaffen-Alarm schlagen. "Die Bedrohung ist nicht hypothetisch", schließt etwa das Pentagon aus einer umfangreichen Studie , "mehr als 25 Länder entwickeln Biowaffen oder haben sie entwickelt." Allerdings sind das, soweit bekannt, noch traditionelle Krankheitserreger - für Menschen, Pflanzen und Tiere -, keine gentechnisch zugespitzten. Dass sie überhaupt zu Waffen taugen könnten, galt auch lange als unwahrscheinlich, weil Genveränderungen Lebewesen eher schwächen. Verhütungsmittel für Mäuse Aber die Australier haben es geschafft, als sie etwas ganz anderes wollten: Verhütungsmittel für Mäuse. Dazu haben sie ein Mäusepockenvirus mit Interleukin-4-Genen ausgestattet. Sie sollten dafür sorgen, dass das Immunsystem von Mäuseweibchen sich gegen die eigenen Eier wendet. Das Pockenvirus hätte nur als Transportvehikel dienen sollen. Aber die Gesamtkonstruktion ist für Mäuse tödlich, sie legt das Immunsystem lahm. Und Mäusepocken sind mit Menschenpocken nicht nur verwandt, Menschenpocken lagern auch noch in - offiziell - zwei Labors, einem in den USA, einem in Russland. Sie machen schon genug Sorgen, weil die Pocken als Krankheit seit den 70er-Jahren ausgerottet sind und niemand mehr geimpft wird. Und nun machen sie noch viel mehr Sorgen, auch weil man über das russische Labor nicht viel weiß, nur so viel, dass die russische Forschung kaum Gelder mehr bekommt und die Forscher für Angebote anfällig sind. "Schwarze Biologie" So warnt denn auch just Ken Alibek - früher hochrangig im russischen Biowaffenprogramm, heute in der US-Biowaffenabwehr -, dass mit Genviren jede Impfung durchbrochen werden könnte. Und vor "Schwarzer Biologie" warnt auch US-Biologe Steven Block im Journal der kopfstarken und einflussreichen US-Forschergesellschaft SIGMA XI: "Die Biologen haben das Problem von Biowaffen bisher mit händeringendem Schweigen verdrängen wollen, weil sie eine Schande für die Biologie sind. Aber es ist Zeit, dass führende Biologen dagegen aufstehen, so wie früher führende Physiker gegen die Atombombe." Allerdings liegt das Problem der Biowaffen - der "Atombombe des kleinen Mannes" - ein wenig vertrackter: Sie sind viel leichter herzustellen als Atombomben, und es gibt heute sehr viel mehr ausgebildete Biologen als damals Kernphysiker. Nur das Problem des kontrollierten Ausbringens ist bei Biowaffen schwer zu lösen und hat bisher den Einsatz durch Staaten oder Terroristen verhindert. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 1. 2001).