So wirklich warm, meint Christian Mikunda, könne er nur "mit höchstens eineinhalb" der bisher in Wien eröffneten Multiplexe werden: "In Wien Mitte am Samstag um 21 Uhr eine CD zu kaufen ist einfach schön", erklärt der Experte für die Inszenierung von Einkaufs- und Freizeitzentren, "und die Idee mit dem Luster und dem Schnürboden auf der Wagramer Straße ist auch gut." Dennoch, bemängelt Mikunda, "haben die in Wien einfach nicht verstanden, was Freizeitgestaltung heute heißt. Statt 16 Sälen nur elf und dafür mehr Atmosphäre und ein thematischer roter Faden würden den Zentrumsbetreibern viele Probleme ersparen." Beim Blick auf die in den letzten Jahren auch in Wien aus dem - zumeist Randbezirks- - Boden geschossenen Großkino-Unterhaltungszentren kommt Mikunda auf sein Leibthema: Schließlich steht und fällt der Reiz jedes "Urban Entertainment Centers" (UEC) mit der "Inszenierung des Ortes" als so genannter "Third Place" im Lebensraum der Menschen. Freizeitorte emotional besetzen "Nach dem Wohnraum entdeckte der Mensch seinen Arbeitsplatz als Ort, den er gestalten will", referiert der Marketingexperte, "und dann entdeckte er, dass er auch die Orte der Freizeit emotional besetzen und aufwerten möchte." Da in der typischen amerikanischen Mittelstadt aber die klassische "Downtown", jener Teil der Stadt, in dem kulturelles und soziales leben stattfindet, oft nicht existiert, entstanden vor rund 15 Jahren die ersten UECs. "In Florida: Open Air und auf der grünen Wiese", erklärt Mikunda, "die Kinos kamen erst später dazu. Diese Form von Shopping und Unterhaltung bot genau das Wechselspiel von Spannung und Entspannung, das Orte interessant macht." Mit dem Kinoboom, dem Aufkommen von Großbildleinwänden, Dolby-Surround-Sound und "doch einer Vielzahl echter A-Movies" schwappte die Großkinowelle dann auch nach Europa - und traf in Österreich auf ein von gut inszenierten Orten bis dato reichlich unbelecktes Volk. "Allein die Erinnerung an das unfreundliche Service und die trockenen Brötchen im Gartenbaukino sind ein Beleg dafür, wie wenig man in Österreich noch vor wenigen Jahren von zeitgemäßer Kino-Inszenierung verstand." Alle auf eimal Für Mikunda war es daher nicht besonders verwunderlich, dass alle potenziellen Kinocenterbetreiber gleichzeitig zu bauen begannen. "Viel zu viele Kinozentren mit viel zu wenig Ideen", konstatiert er aber den derzeit bestehenden zehn Großkinos mit ihren über 50.000 Sesseln in Wien - und ortet auch in der Politik Versäumnisse bei der Genehmigung und Widmung der Großbauten. Ein Versäumnis-Vorwurf, den Alexander Neuhuber, VP-Gemeinderat und Multiplex-Experte von Wiens Planungsstadtrat Bernhard Görg, nicht gelten lassen will: "Dass plötzlich alle Großkinobetreiber Wien als Standort entdeckt haben, war kein Prozess, sondern ein Gewitter, das über die Stadt vor vier Jahren hereingebrochen ist. Da hätten wir nicht reagieren können." Und auch die Leiterin der Abteilung für Stadtplanung in der Wiener Wirtschaftskammer, Herlinde Rothauer, verweist darauf, dass die Stadt bei allen UCI- oder Multiplexplanern längst auch Nachnutzungskonzepte einfordere. "Obwohl es natürlich seltsam anmutet, wenn ein Unternehmer noch vor der Eröffnung überlegt, was bei einem Flop passiert." Lichtspielfaule Wiener Doch dass zehn bestehende und zehn zumindest angedachte Standorte zu viel Kino für die mit 2,1 Kinobesuchen pro Jahr (zum Vergleich: in München sind es fünf) erwiesenermaßen lichtspielfaulen Wiener sind, geben auch die Errichter selbst zu. Bloß: Sterben werden die anderen. Zwei bis vier Zentren der Konkurrenz, erklärt jeder selbstbewusste Lichtspieltheatererbauer, würden in den kommenden Jahren wohl zusperren. Auch wenn die Zahl der Blockbuster wieder steigen sollte. Georg Stumpf etwa, derzeit anderweitig krisengeschüttelter Bauherr der Millennium-City neben dem Millennium-Tower, pocht darauf, dass sein 60.000 Quadratmeter großes "Family Entertainment Center" samt "Food Court", Fitnesstempel und multifunktionalem Dach ("ob Eislaufplatz oder Putting Green bleibt eine Überraschung") schon Kraft des Standortes und des angeschlossenen Shoppingcenters "sicher viel attraktiver sein wird, als die zahlreichen Stand-Alone-Einrichtungen". Freilich, so Stumpf, dürfe man "nicht davon ausgehen, dass diese Projekte sich von heute auf morgen rechnen". Tote Betonsilos Sollte aber auch übermorgen die Kasse nicht stimmen, sieht der Wiener Grünen-Chef Christoph Chorherr die Gefahr "riesiger leer stehender Betonsilos, deren Architektur nichts außer Kino und Theater ermöglicht - außer die öffentliche Hand investiert Hunderte Millionen, um Umbauten durchzuführen". Dass ein - auf ein realistisches Maß geschrumpftes - Angebot an Zentren sehr wohl einen Markt hat, betont allerdings der Trend- und Jugendforscher Manfred Zentner: "Auch wenn die europäische mit der amerikanischen Stadtstruktur nicht zu vergleichen ist, gibt es vor allem im Stadtrandbereich viele Jugendliche, denen die Stadtzentren - schon verkehrstechnisch - nicht gerecht werden." Gerade für diese sei neben der Parkplatzsicherheit und der sozialen Funktion der modernen, halb öffentlichen semiurbanen Piazza noch ein anderer Aspekt entscheidend: "Das Angebot der echten Stadt ist gar nicht so wichtig - es geht auch um die Erfüllung der Sehnsucht nach dem, was ihnen als US-Lifestyle vorgespielt wird." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14. Jänner 2001)