Innsbruck - Nach Bekanntwerden des ersten BSE-verdächtigen Tiroler Rindes machte sich Montag große Verunsicherung unter den ortsansässigen Bauern breit. Die Landwirte des betroffenen Außerferns haben bis zu 70 Prozent ihres Rinderfutters aus Deutschland bezogen. Der bayerische Landwirtschaftsminister Josef Miller bestätigte den Verdacht, dass große Mengen des Futters mit Tiermehl verunreinigt sind oder waren. Deshalb wurde nun auch die Produktion beim größten Rinderfutterhersteller in Regensburg gestoppt:"Nur Heu und Wasser hat's bei ihm gegeben" Schattwald - Am frühen Nachmittag steht er alleine vor dem amtlich gesperrten Hof, den Blick über den Hügel hinunter zum Dorf hin, so als wollte er diesen Wintertag noch ein wenig nützen: Bei wolkenlosem Himmel ist das Thermometer von 20 Minusgraden in der Früh um etwas mehr als die Hälfte nach oben geklettert. Die Schritte vor das Haus sind die einzigen, die Bauer Gebhard K. seit Sonntag Nachmittag unternimmt, als er die Nachricht von seiner angeblich BSE-kranken Kuh an der Bergstation des Skiliftes, seinem winterlichen Arbeitsplatz, erhalten hatte. Verwandte, die ein Gästehaus im Ort betreiben, erzählen, er habe das Telefonkabel aus der Buchse gezogen. "Nur wenn es sein muss", etwa wenn der allein stehende Mann beim Bruder Wünsche für Einkäufe deponieren möchte, stecke er das Kabel wieder an. "Er will jetzt ungestört sein", sagt ein Bekannter. Zwei Häuser weiter, im Weiler Steig, herrscht Rätselraten unter den zwei Familien, die um den Tisch in der Stube sitzen. "Nur Heu und Wasser hat's bei ihm gegeben", sagen Peter Zobl (53) und Roland Tannheimer (54), beide wie Gebhard K. Bauern im Nebenerwerb: Zobl ist Frührentner mit elf Stück Vieh, seine Frau arbeitet als Köchin, Tannheimer hat 23 Tiere und einen Job als Holzarbeiter. "Wenn beim Gebhard die Gegenprobe positiv ist, dann reicht alles, was man bis jetzt weiß, nicht mehr aus." Noch hoffen sie, dass der fehleranfällige Biorad-Test auch diesmal keine positive Bestätigung findet im Labor in Tübingen. Aber wenn nicht? "Es rückt halt immer näher, zuerst nach Allgäu, jetzt bis zum Nachbarn - vielleicht." Gebhard habe immer nur ökologisch gearbeitet, sagt Zobl, "mit Liebe bei der Sache", ergänzt die Tochter: nie darauf aus, die Milchleistung der Kühe zu erhöhen, deshalb "hat er nie ein Kraftfutter gekauft". Die Billigangebote an Siloware von den großen Futtermittelherstellern in Südbayern hätten ihn nicht interessiert, "sackweise hat der das Futter beim Raiffeisenverband in Reutte geholt, wenn's hoch kommt 100 Kilo im Jahr, nicht 20-30 Tonnen wie ich", meint Tannheimer. "Bei mir", denkt Zobl laut über weitere Übetragungswege nach, "gäb's noch eher einen Grund, wenn das stimmt mit den Milchaustauschern. Die hab ich verwendet, weil ich kein Milchvieh habe." Aber Gebhard habe genug Milch. Die beiden Bauern wirken verunsichert und ernüchtert: "Man bringt die Tiere ja jetzt schon nicht mehr weg." Fünf Kühe habe er im Herbst verkaufen wollen, sagt Tannheimer, "eine ist weggegangen". Kein einziger Metzger im ganzen Außerfern schlachte mehr, aus Angst, eines der Rinder würde positiv getestet. Seit Allerheiligen seien die Preise bei den Händlern "um die Hälfte nach unten" klagt Zobl: 10.000 Schilling hab ich mir vorgestellt, fünf wollt' mir einer geben. Dann ess ich's lieber selber." "Berechtigte Hoffnung" Nach menschlichem Ermessen sei auszuschließen, dass das betreffende Tier als junges Kalb Trockenmilch bekommen hat, erklärte am Montag Tirols Agrarlandesrat Ferdinand Eberle (VP). Ebenso sei eine Fütterung mit aus dem benachbarten Bayern stammenden Futtermitteln auszuschließen. Eberle äußerte deshalb "berechtigte Hoffnung" auf ein negative Ergebnis beim BSE-Test in Tübingen. Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer (VP), der sich für ein dauerhaftes Verbot der Tiermehlfütterung ausgesprochen hat, denkt nun auch über ein Verbot von Tiermehl in Düngemitteln nach. (bs, DER STANDARD, Printausgabe, 16. Jänner 2001)