Wien - "Machen wir uns nichts vor. Humankapital und Shareholder-Value, das ist in der Praxis ein gewaltiger Widerspruch. Zuerst zählt, was in der Bilanz steht." Professor Gerfried Zeichen von der TU-Wien nahm sich bei der Podiumsdiskussion "Human Capital kontra Shareholder-Value" kein Blatt vor den Mund, die von der Akademie für Arbeitsmedizin (Aam) in Kooperation mit dem S TANDARD organisiert wurde. Die ÖMV sehe im Humankapital den entscheidenden Zukunftsfaktor, unterstrich deren Generaldirektorstellvertreter, Wolfgang Ruttenstorfer. Der heimische Ölkonzern arbeitet an einem "Balance-Score-Index" , der die Entwicklung von Stress, Arbeitsfreude und Gesundheit der Mitarbeiter aufzeigt. Aktienkurse "Aber auch die OMV baut Humankapital ab und die Aktienkurse steigen", fährt ihm ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch in sanftem Ton in die Parade. "Wir müssen es sparsamer einsetzen, weil es durch zu gute KV-Verhandlungen zu teuer wird", kontert Ruttenstorfer. Und welche Rolle spielt die Arbeitsmedizin bei der Förderung des Humankapitals? Verzetnitsch macht eine ziemliche Schräglage sichtbar: "Wenn ich mir anschaue, wie viel Aufwand betrieben wird, damit die technische Produktion läuft, wünsche ich mir den gleichen Aufwand auch für die Mitarbeiter." Ludwig Scharinger, Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank Öberösterreich bekennt sich dazu, in erster Linie auf seine Mitarbeiter angewiesen zu sein. Von den Arbeitsmedizinern erwartet er sich Hilfe, wenn Mitarbeiter nicht mehr arbeiten können, inklusive psychotherapeutische Unterstützung. Der zweite Oberösterreicher am Podium und Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, Christoph Leitl, fackelt nicht lange herum: Arbeitsmediziner sollen vorher eingreifen, nicht erst wenn die Leistung sinkt. "Mein Haus ist auch bereit, sich an sinnvollen arbeitsmedizinischen Forschungsprojekten zu beteiligen", kündigt er an. Das Projekt des Aam-Präsidenten Karl Hochgatterer sei ein solches. Nach dem Aam-Konzept müssen Arbeitsmediziner künftig mehr tun, als im Gesetz steht und sich zu professionellen Beratern mausern: "Sie sollen wie Steuerberater je nach Bedarf so lange zur Verfügung stehen, bis das Problem gelöst ist." Neue psychomentale Belastungen wie Stressfaktoren müssten dringend einbezogen werden, meint er in Richtung Wirtschaftsminister, der die Einsatzzeiten der Arbeitsmediziner kürzen will. Zudem müsse "die Politik" massiv bei der Aufklärung über den Nutzen der Arbeitsmedizin helfen. Reinhard Jäger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin findet noch klarere Worte: "Wer will, dass die Arbeitsmedizin so bleibt, wie sie ist, will sie eigentlich nicht." Das gelte primär für Firmen mit weniger als 50 Mitarbeitern. "Dieser Minimalismus zwischen Tür und Angel bringt unser Fach in Verruf oder zumindest ins schiefe Licht." (lyn/DER STANDARD, Printausgabe 17.1.2001)