Washington - 1996 starb in einem Hospital in Nigeria ein zehnjähriges Mädchen, von dem kaum mehr in Erinnerung blieb als die Nummer 6587-0069. Unter der Nummer war das Kind - es litt an einer epidemisch grassierenden Hirnhautentzündung - in einen Test für ein Medikament der US-Firma Pfizer aufgenommen worden, mit dem die Genehmigung des Medikaments für Kinder in den USA erreicht werden sollte. Vielleicht wäre es ohnehin gestorben, aber bei Nummer 6587-0069 kommen so viele Probleme von Tests in Entwicklungsländern zusammen, dass die Washington Post an diesem Fall den "Pharma-Kolonialismus" illustriert, die Auslagerung von Tests in Entwicklungsländer, von Südamerika bis Osteuropa. Die Gesamtzahl der Tests ist unbekannt, man weiß nur, dass sie rasch wächst: Fast 27 Prozent der in den USA zur Genehmigung eingereichten Medikamente hatten 1999 auch Tests in anderen Ländern, dreimal so viel wie 1995. Denn es gibt in den USA einfach nicht genug Testpersonen - 4000 braucht man pro Medikament -, und billiger ist es andernorts auch: Kostet ein komplexer Test an einem Patienten in den USA 10.000 Dollar, reichen in Russland 3000. Das kann für beide Seiten von Vorteil sein: Patienten in Armenhäusern erhalten durch die Tests oft überhaupt erst - und gratis - Zugang zu Medizin. Und Pfizer hatte nach eigenem Bekunden auch Philanthropie im Auge: Das Medikament hätte auch Kindern in Afrika helfen sollen. Nummer 6587-0069 allerdings half es nicht. Und in Nigeria gab es andere Hilfe, die "Ärzte ohne Grenzen" waren - mit bewährten Medikamenten - zu der Epidemie geeilt. "Man könnte Mord in Erwägung ziehen", urteilt einer dieser Ärzte: Man hatte das Kind während des Tests nicht ausreichend untersucht und deshalb den Test nicht abgebrochen. Fraglich ist auch, ob das Kind oder seine Eltern wussten, dass es ein Test war. Immerhin konnte Pfizer die Genehmigung des Tests durch ein örtliches Ethik-Komitee vorweisen. Aber das Schreiben wurde laut Washington Post ein Jahr später fabriziert und vordatiert, und zwar namens eines Ethik-Komitees, das es gar nicht gab. Stattdessen gab es Ärzte, die vor dem Test warnten - man solle während einer Epidemie nicht testen, sondern mit Bewährtem heilen -, aber Nigeria war eine Militärdiktatur, in der Kritik kein Gehör fand. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 1. 2001)