Was hierzulande im öffentlichen Disput über Österreichs Vergangenheit gesagt wird, ob vom Jubel am Heldenplatz, von der "Opferthese" oder vom Widerstand gesprochen wird, bedeutet je nach Kontext etwas anderes. Dabei malte in der momentanen Diskussion niemand, wie behauptet wird, ein Bild von einem geschlossen nazistischen Land ohne Widerstand. Die Debatte entzündete sich allein an Aussagen von Kanzler Schüssel, der in einer israelischen Zeitung u. a. verkündete: "Die Österreicher", nicht etwa Österreich, nein, er sagte wörtlich: "Die Österreicher waren die allerersten Opfer" Hitlers.

Die Österreicher? Allesamt, vom NS-Parteigänger mit der niedrigsten Mitgliedsnummer bis zum Arisierer mit den höchsten Profitzahlen? Was Schüssel behauptete, lässt sich nicht nur als Halbwahrheit abtun, da es mit Wahrheit nichts mehr zu tun hat. Dies war eine Verhöhnung der jüdischen Leserschaft der Jerusalem Post und wurde als solche empfunden.

Das offizielle Österreich leugnete jahrelang jede spezifische Verantwortung gegenüber den nationalsozialistischen Verbrechen. Als Julius Raab dem jüdischen Politiker Nahum Goldmann erklärte: "Wir befinden uns in derselben Lage; beide sind wir Opfer des Nazismus", antwortete dieser: "Richtig, Herr Bundeskanzler, ich bin ja auch eigentlich herkommen, um Sie zu fragen, wie viel Ihnen das jüdische Volk zahlen soll . . ."

War die "Opferthese" 1938 gegen Goebbels Propaganda gerichtet, nutzte sie nach 1945 dem Buhlen um die ehemaligen Nazis und wendete sich gegen die einstigen Opfer und ihre Ansprüche. "Opfer Hitlers" heißen heute weltweit jene, die aufgrund der nazistischen Ideologie verfolgt wurden. Dabei ist ein interessantes Phänomen zu beobachten. Die rassistischen Untaten werden nirgends bloß als Aggression des Regimes erinnert, denn sie wurden, ob Arisierung, Vernichtungskrieg oder Massenmord, im Namen des deutschen Volkes durchgeführt; viele beteiligten sich und profitierten an den Verbrechen. Im Gedächtnis der Deutschen und der anderen Nationen setzte sich diese Sichtweise durch, und zwar unter anderem deshalb, weil die antisemitischen, rassistischen und nationalistischen Prinzipien, die dem Gräuel zugrunde lagen, selbst unter Gegnern des Regimes akzeptiert und verbreitet waren. Die Deportationen fanden am lichten Tage statt. Die Juden wurden auf offenen Lastwägen zum Wiener Aspangbahnhof gebracht. In den Straßen riefen Wiener den Juden zum Abschied Gehässigkeiten zu.
Als ein älterer, schwer kriegsinvalider Jude im Winter 1941/42 bei Glatteis ausglitt und niederfiel, bat er die Passanten um Hilfe. Sie hoben ihn nicht hoch. Erst nach drei Stunden und unter Mühe gelang es dem Kriegsversehrten, sich allein aufzurichten; dabei brach er sich einen Handwurzelknochen. Keine der Rotkreuz-Ambulanzen, die zu jener Zeit noch Juden mitzunehmen hatten, wollte ihn abholen. Tagelang musste er unversorgt zu Hause liegen, bis er aus eigener Kraft das Spital aufsuchen konnte. Der Schriftsteller Franz Fühmann erinnerte sich: "Es muss 1943 gewesen sein, im Sommer, in Wien, in der Rilkezeit, da zeigte die Wochenschau Bilder aus einem Konzentrationslager, und man sah drei Häftlinge mit dem Judenstern, die, offensichtlich Mitte irgendeiner Kette, einander Steine zureichten ... Der Kommentator bemerkte, dass die Juden das erste Mal in ihrem Leben arbeiteten, was man ja auch an dem rasanten Tempo ihrer Bewegungen sehe, und das Publikum brüllte vor Lachen, und ich erstarrte, denn man sah Sterbende mit verlöschender Kraft die Arme ausstrecken und Steine von Sterbenden empfangen und Steine an Sterbende weitergeben. Es war ein österreichisches Gelächter; Gelächter meines Heimatlandes."

Gewiss; die politischen Flüchtlinge, die dem Nationalsozialismus entkamen, etwa Intellektuelle jüdischer Herkunft, gründeten im Exil österreichische Kulturzentren, kleideten sich in ländlicher Tracht, denn sie wollten Stellung beziehen und sich vom Pangermanismus abgrenzen. Wer aber heute ihren Patriotismus hervorhebt, um zu leugnen, dass Österreich Teil jener Volksgemeinschaft war, in deren Namen und zu deren Kollektivnutzen geraubt und gemordet wurde, würdigt das Engagement der Vertriebenen nicht, sondern missbraucht sie und vergisst bloß allzu gerne zu erwähnen, wie diesen Flüchtlingen hierzulande nach dem Sieg über Hitler mitgespielt wurde.

Wer den antinazistischen Widerstand ehren will, stößt auf manche Paradoxie. Die Widerstandskämpfer wirklich zu achten heißt darauf hinzuweisen, dass allzu wenige im Untergrund kämpften und gegen wie viele Landsleute sie ihr Leben riskieren mussten. Mehr noch: Den Gegnern, aber auch den Opfern des Nationalsozialismus gerecht werden zu wollen bedeutet nicht zu verschweigen, dass viele der Antinazis, ob Kommunisten, Monarchisten oder Christlich-Soziale, damals keineswegs frei von antisemitischen Ressentiments waren, geschweige denn demokratisch gesinnt. Dennoch gebührt ihnen unser Respekt, denn indem sie gegen die Nazis kämpften, kämpften sie für eine Welt jenseits von Genozid und Faschismus.

Die Ehrung des Widerstandes beinhaltet zudem die Gefahr der Anmaßung und einer Überidentifikation mit den einstigen Antifaschisten und den damaligen Opfern. Niemand ahnt, wer nun den Mut hätte, gegen solch einen Terror aufzubegehren. Doch mittlerweile müsste klar sein, wer damals gegen das Unrecht kämpfte und wer dafür. Stattdessen huldigen Vertreter des Koalitionsauschusses den Tätern und verweigern ehemaligen Partisanen Auszeichnungen. Ein Österreich, welches des Widerstandes gedenken möchte, müsste vorerst anerkennen, dass es Teil der Tätergesellschaft war und dass Verbrechern, etwa jenen der Waffen-SS, für ihre Untaten keine Würdigung gebührt. Dann erst - ex negativo - kann es sich auf den antifaschistischen Kampf berufen und darauf bestehen, eine Antithese zum "Dritten Reich" zu sein.

Doron Rabinovici ist Schriftsteller in Wien.

Karl-Markus Gauß hatte in seinem viel diskutierten STANDARD-Essay zum Wendejahr u. a. den Vorwurf erhoben, dass die intellektuelle Auseinandersetzung über die NS-Vergangenheit neuerdings dahin tendiere, die Leistungen des österreichischen Widerstands gering zu achten und die Opferlegende einfach in eine Täterlegende umzudrehen. Die Schwierigkeit bei der berechtigten Würdigung der österreichischen Antifaschisten, erwidert Doron Rabinovici, liege darin, dass selbst bei den allzu wenigen Gegnern des NS-Regimes antisemitische Ressentiments und autoritäre Haltungen akzeptiert und verbreitet waren.