Der Vorstand der ÖIAG ist kein Managerjob wie jeder andere. Dieser muss keinen Konzern führen, sondern den strategischen Kurs der jeweiligen Bundesregierung bei der Verwaltung und dem Verkauf der Staatsanteile durchsetzen.

Deshalb hat die schwarz-blaue Regierung ein gutes Recht, sich von einem Vorstand zu trennen, der ihre Vorstellungen über die Rolle des Staates in der Wirtschaft nicht teilt - auch wenn diese Trennung etliche Millionen an Abfindung kostet. Bei Rudolf Streicher kommt dazu, dass er in seiner langen Karriere in Wirtschaft und Politik oft eine bessere Figur gemacht hat als in seinen eineinhalb Jahren an der Spitze der ÖIAG.

Dennoch lässt Streichers halbfreiwilliger Abschied viele Fragen unbeantwortet. So macht vor allem der erklärte Grund für die Trennung - Meinungsverschiedenheiten über die Rolle der ÖIAG als Kernaktionär - wenig Sinn. Einerseits gibt es niemanden in der Koalition - nicht einmal Thomas Prinzhorn - der alle ÖIAG-Anteile ohne wenn und aber auf den Markt werfen will. Einflussreiche Kreise in der Industriellenvereinigung und der ÖVP, auch Wirtschaftsminister Martin Bartenstein, stehen in ihrem Eintreten für nationale Kernaktionäre hinter Streicher kaum zurück. Für einen raschen Abverkauf aller ÖIAG-Beteiligungen gibt es derzeit weder Pläne noch Konzepte - das Papier der Investmentbank Morgan Stanley bietet bloß eine Auflistung potenzieller Käufer.

Andererseits verkennen auch jene, die den Staat als Kernaktionär mit allen Mitteln erhalten wollen, die Realität. Die Vorstellung, dass Österreich seine Staatsbetriebe über die Börse privatisieren wird und diese dann vor feindlichen Übernahmen geschützt werden müssen, ist angesichts der unverbesserlichen Schwäche der Wiener Börse und des Flops der Telekom-Austria-Emission überholt. Privatisierung bedeutet in Zukunft, dass ÖIAG-Anteile an strategische Investoren verkauft werden - und bei den größeren Unternehmen sind das zumeist Ausländer.

Das ist an sich kein Problem für den Wirtschaftsstandort: Siemens Österreich, Steyr-Daimler-Puch oder die Novartis-Tochter Biochemie in Kundl gehören zu den stärksten Säulen der heimischen Industrie, auch wenn ihre Eigentümer im Ausland sitzen. Die entscheidende Frage bei einer Privatisierung ist nicht die Nationalität des Käufers, sondern seine Managementkompetenz und seine Konzepte.

Gerade die bestgeführten Konzerne aber werden sich hüten, in einem Unternehmen einzusteigen, bei dem der Staat als Kernaktionär direkt mitreden kann. Wer auf eine solche "Golden-Share"-Politik besteht, schränkt bei einer Privatisierung den Kreis der Interessenten erheblich ein, schmälert so die Einnahmen für die Staatskasse und schadet letztlich dem Standort.

Das weiß auch Rudolf Streicher, der bei der Austria Tabak gerade einen Vollverkauf ins Ausland vorbereitet. Der Streit mit der ÖIAG-Spitze dürfte daher mehr mit persönlichen Animositäten als mit ideologischen Differenzen zu tun haben.

Aber es gibt auch eine weitere, beunruhigende Facette. Entgegen ihren Beteuerungen zeigt die Koalition Neigungen, in der staatsnahen Industrie die alte Managergarde ohne Rücksicht auf Qualifikation und Erfolge auswechseln zu wollen. Vor allem ÖBB-Chef Helmut Draxler und das AUA-Vorstandsduo Herbert Bammer und Mario Rehulka scheinen hier gefährdet.

Wird Streicher nun rasch als AUA-Aufsichtsratschef ausgetauscht, könnten bald darauf auch Bammer/Rehulka kippen. Dies hätte nichts mehr mit legitimen Eigentümerinteressen des Staates zu tun - die ÖIAG hält an der AUA gerade 40 Prozent -, sondern wäre unverfrorene Politwirtschaft.

Und sollte tatsächlich der neue FP-Liebling Niki Lauda, der gerade als Unternehmer spektakulär Schiffbruch erlitten hat, zum AUA-Chef gekürt werden, wäre dies geradezu fahrlässig. In diesem Fall müsste auch die Ablöse Streichers in einem anderen, weniger schmeichelhaften Licht gesehen werden. (D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 21. 1 . 2001)