STANDARD: Diese Woche wird von den Behörden ein Antidepressivum auch gegen Prämenstruelle Dysphorie oder PMD zugelassen, eine schwere Form des Prämenstruellen Syndroms. Ist PMD tatsächlich eine ernst zu nehmende Erkrankung oder bloß ein neues Geschäftsfeld?Mayr-Matal: PMD ist nicht einfach eine Unterform der Depression, sondern eine schwere Form von PMS mit psychischen, aber auch körperlichen Symptomen, von der nach internationalen Studien etwa acht Prozent aller Frauen betroffen sind. Aber nur rund fünf Prozent der Frauen werden auch entsprechend behandelt. Viele Patientinnen scheuen sich noch, die psychischen Symptome von PMD anzusprechen. Dabei haben die betroffenen Frauen ernste Probleme. Sie klagen oft über extreme Abgeschlagenheit und Müdigkeit, ihre Leistungsfähigkeit im Beruf sinkt, sie vermeiden soziale Kontakte, weil es ihnen psychisch so schlecht geht. Diese Frauen sind wirklich behandlungsbedürftig. STANDARD: Wie unterscheidet sich der Wirkstoff, der nun für die neue Anwendung zugelassen wurde, von vielen herkömmlichen Antidepressiva, die längerfristig eingenommen werden müssen? Unter PMD leiden Frauen ja nur über einige Tage und wollen vielleicht nicht jeden Tag Medikamente dagegen einnehmen. Mayr-Matal: Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer oder SSRI, denen der Wirkstoff Fluoxetin zuzuzählen ist, wirken rascher als herkömmliche Antidepressiva schon während des ersten Einnahmezyklus. Derzeit wird ihre Wirksamkeit bei PMD auch bei einer Einnahme nur in der zweiten Zyklushälfte untersucht, in der die Symptome auftreten. Eine solche Anwendung könnte dann die Bereitschaft der Frauen erhöhen, eine solche Behandlung zu beginnen. Wesentlich ist aber, dass SSRI bei PMD nicht nur gegen die psychischen Symptome wirken, sondern auch gegen die körperlichen. STANDARD: Sind die Beschwerden tatsächlich so schwer, dass der Einsatz eines Antidepressivums gerechtfertigt ist? Mayr-Matal: In der Behandlung von leichteren Formen von PMD beginne ich üblicherweise mit Vitamin-B6- und Magnesium-Gaben. Es gibt auch pflanzliche Rezepte wie etwa ein Blütenpollenpräparat, Nachtkerzenöl oder Mönchspfeffer. Außerdem empfehle ich meinen Patientinnen Entspannungsübungen, Sport, Nikotin-und Kaffeeabstinenz. Da es offenbar auch hormonelle Zusammenhänge gibt, kann auch Gelbkörperhormon verabreicht werden. In schweren Fällen geht es aber nicht ohne eine Behandlung mit SSRIs. STANDARD: Können auch Psychotherapien PMD lindern? Mayr-Matal:B Ich empfehle sie den Frauen jedenfalls als unterstützende Maßnahme.
(hu/rbe)

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.01. 2001)