Der argentinische Tenor José Cura hat längst Popstatus erreicht. Ob dieser berechtigt ist, entscheidet sich aber auch für Cura auf der Bühne - am Samstag will er an der Staatsoper als Otello überzeugen. Nach den "Troubadour"- Tumulten im Madrid, wo Cura nach einer Vorstellung etwas ausfällig wurde, fürchtet er, dass es in Wien durch "Gäste" aus Madrid Probleme geben könnte, erfuhr Ljubisa Tosic . Wien - Mit einem Starsänger über den Geruch des Publikums zu sprechen, diese Gelegenheit bietet sich im Leben nur ganz selten. José Cura, neben Ramon Vargas und Roberto Alagna einer der wenigen global tätigen jungen Tenöre der Gegenwart, ist für diese Möglichkeit zu danken. Schließlich hatte er unlängst nach einer Troubadour -Vorstellung im Madrider Teatro Real auf offener Bühne klargestellt, dass Teile des unwirsch reagierenden Publikums übel riechen würden. So jedenfalls verbreitete sich die Meldung über die Agenturen der Welt. Cura, vom Komponisten Cristobal Halfter gescholten und vom Kulturminister verteidigt, entschuldigte sich später dafür, sich "wie ein Stierkämpfer aufgeführt" zu haben. Mit seiner Darbietung hinge der Unmut "einer kleinen Gruppe von Leuten" nicht zusammen, sagt er. Der Abend sei festgehalten worden, man könne seine Leistung also nachprüfen. Und überhaupt, es sei alles etwas anders gewesen: "Mir wurde schon vor der Vorstellung angekündigt, dass mich einige Leute aufs Korn nehmen würden. Das hatte weniger mit mir zu tun und mehr mit dem Theater. Manche Sänger kommen gar nicht mehr nach Madrid, weil solches ständig passiert. Bei jeder neuen Produktion. Mir passierte das zum ersten Mal. Im Übrigen habe ich nicht gesagt, dass Teile des Publikums stinken, sondern dass die ganze Angelegenheit stinkt." STANDARD: Hat man Sie also missverstanden? Cura : Ja, bewusst! STANDARD: Schade, wir dachten schon: endlich ein Sänger, der sich wehrt. Cura : : Ach was, wie soll ich auf die Entfernung das Publikum so gut riechen können . . . STANDARD: Man kann ja etwas auch im übertragenen Sinne meinen. Cura : : Nein, nein diese Leute haben jetzt schon genug Publicity! Das Problem ist ... und da bitte ich Sie um Hilfe: Vorgestern hat man mich darüber informiert, dass einige dieser Leute womöglich nach Wien kommen könnten, um auch die Otello -Vorstellung zu stören, weil ich sie in Madrid herausgefordert habe! Ich hoffe, es wird nichts passieren. Aber wenn etwas passiert, dann soll mein Wiener Publikum wissen, dass ich weiß, diese Reaktionen kommen nicht von ihm - das soll meine Botschaft sein. STANDARD: Wenn Sie Ihre unwirschen Reaktionen - ob sie jetzt mit Geruchsbelästigung zusammenhängen oder nicht - beibehalten, können Sie sich kontinuierliche Publizität sichern: Jeden Monat eine Schlagzeile: "Cura beleidigt wieder Publikum!" Cura : Im Nachhinein mag alles wie eine gezielte Marketingaktion gewirkt haben, aber das war sie nicht - ich mag das nicht. Es gibt ja, zumal in der Filmbranche, eine beliebte Methode, etwa private Troubles zu inszenieren und zu lancieren, um im Gespräch zu bleiben. So etwas will ich meiner Frau und meinen drei Kindern nicht zumuten - ich will nicht, dass meine Kinder über mich in Zeitungen lesen. STANDARD: Das Opernpublikum ist ja an sich das grausamste - bei Konzerten wird ja eigentlich nie gebuht. Cura : Das Gegenteil von Applaus sollte nicht das Buh sein. Es wäre das Schweigen. Still zu sein wäre die richtige Reaktion. Ansonsten kann man nur hoffen, dass die Leute intelligent zuhören. STANDARD: Sie werden ja als tenoraler Jugendheld vermarktet. Das weckt Erwartungen, die Ihnen bei einer differenzierten Rollengestaltung im Weg sein könnten. Cura : Stimmt! Deshalb waren kürzlich in Zürich alle bei Don Carlos etwas überrascht. Sie wollten den üblichen Cura, den Helden. Sie bekamen aber einen kranken Charakter, einen, der verrückt, paranoid und schizophren ist. Und sie waren nicht ganz befriedigt. STANDARD: : Werden Sie auch bei Otello am Samstag unbefriedigt bleiben? Cura : Wir werden sehen. Auch wenn ich keine Legato- Stimme habe, auch wenn sie groß ist, wird es nicht wirklich laut werden. Jeder assoziiert Otello mit Fortissimo-Momenten. Wenn Sie den Charakter studieren, dann sehen Sie aber, dass er nur dreimal wirklich laut wird. Sie müssen immer zwischen Tradition und Ihrer Konzeption kämpfen. Natürlich ist Placido Domingo der Otello unserer Tage. Ich bin 38, ich habe also noch viele, viele Jahre Entwicklung vor mir. Was ich bei dieser Rolle einzubringen habe, ist jedoch eigentlich gut genug. Sonst würde ich mich ja an die Rolle gar nicht heranwagen. STANDARD: Schätzen Sie die bösen Operncharaktere mehr als die guten? Cura : Das Problem mit den positiven Typen ist, dass sie im Allgemeinen eindimensionale Charaktere sind - es ist schwer, ihnen Farbe und Tiefe zu verleihen. Ich habe zu Beispiel Kalaf in Turandot nie gesungen, er ist von Anfang an Sieger, da ist kaum Platz für Entwicklungen. Bei den bösen Typen kann man einfach viel mehr Facetten herausarbeiten. Wovor ich mich bei der Oper ja fürchte, ist die Situation, auf der Bühne zu stehen und lächerlich zu wirken. Wenn das passiert, verlasse ich sofort die Bühne! STANDARD: Wann kommen Sie zurück an die Staatsoper? Cura : Nächstes Jahr werden ich in Bajazzo zu hören sein. Über andere Projekte werden ich jetzt mit Direktor Holender sprechen. STANDARD: Was machen Sie sonst in Wien, wenn Sie nicht gerade singen? Einkaufen? Cura : Seit ich verheiratet bin, war ich nicht mehr einkaufen! Ich kam aus Zürich, ging ins Hotel, und jetzt sitze ich hier! Sie nehmen den Platz meiner Siesta ein! Aber machen Sie sich keine Sorgen: Ich habe nie Siesta! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 1. 2001)