Viele im Europarat leiden darunter, dass sie im Grunde nur Symbolpolitik betreiben können. Manche leiden weniger: die Mitglieder des Ministerkomitees - der Vertretung der Regierungen der Europaratsstaaten. Sie hatten im vergangenen Jahr für Russlands schmutzigen Krieg in Tschetschenien nur butterweiche Formulierungen der Missbilligung gefunden. Das Ansehen der über 50 Jahre alten Organisation für Demokratie und Menschenrechte haben sie dadurch stark beschädigt. Andere leiden mehr: die Delegierten der Parlamentarischen Versammlung - entsandt von den Volksvertretungen der Mitgliedsländer. Sie aber fanden einen Weg aus ihrer Machtlosigkeit, indem sie im April 2000 das Einzige taten, was sie tun können: eben ein Symbol setzen. Damals entzogen sie ihren Kollegen aus der russischen Duma das Stimmrecht. Nicht ohne Erfolg. Denn wenn auch der Westen den Europarat nicht mehr allzu ernst nimmt, so schaut doch zumindest Moskau gebannt nach Straßburg. Und im Kreml ist man selbst im Jahr 2001 noch sensibel für Symbolpolitik. Wohl nicht zufällig kündigte Präsident Wladimir Putin gerade während der Sitzungswoche des Europarates Wiederaufbauprogramme für Tschetschenien an. Daher auch die Hauptsorge der Europaratsdelegierten, als sie am Donnerstagabend den Russen ihr Stimmrecht zurückgaben: Würde sich in Moskau Triumphgeschrei erheben? Die Abgeordneten entschieden sich für eine Gratwanderung. Einerseits verurteilten sie Gewalt und Rechtlosigkeit in Tschetschenien. Andererseits erkannten sie an, dass viele ihrer Kollegen in der Duma sich seit Monaten um ein Ende der Willkür im Kaukasus bemühen. Es wäre letztlich ungerecht gewesen, sie in Straßburg weiter zu sanktionieren, nur weil man an die wahren Verantwortlichen nicht herankommt. Die sitzen nun einmal im Kreml. (DER STANDARD; Printausgabe, 27.28.1.2001)