"BSE muss für die industrielle Landwirtschaft das werden, was Tschernobyl für die Atomkraft war: der Anfang vom Ende und der Beginn einer neuen Landwirtschaftspolitik." Bärbel Höhn, die grüne Landwirtschaftsministerin in Nordrhein-Westfalen, legt die politischen Konsequenzen des Rinderwahnsinns anschaulich dar. Die Verrücktheit, die Landwirtschaft nach einer industriellen Logik auszurichten, hat nun auch die Rinder verrückt gemacht. Die Verunsicherung hat eine gesellschaftliche Dimension erreicht, die weit über die Landwirtschaftspolitik hinausreicht. Die Menschen werden in einem der zentralen Bereiche des Lebens, der Nahrungsaufnahme, zutiefst erschüttert. Die ganze Philosophie der Massenproduktion, bei der die natürlichen Wachstumsrhythmen der Tiere durchbrochen, Hormone und Antibiotika eingesetzt werden und mit der Chemie die Bodenqualität ganzer Landstriche aufs Spiel gesetzt wird, ist am Ende angelangt. Das kann der Beginn einer Revolution sein - oder auch nur eine Kurskorrektur. Die Krise ist eine umfassende. Die Konsumenten sind ratlos, die Bauern ebenfalls. Sie haben sich dieses System der industriellen Produktion aufzwingen lassen. Die Kleineren, um zu überleben, die Größeren, um höhere Gewinne zu erzielen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es darum, die Ernährung sicher zu stellen und die Produktion zu steigern. Dies hatte zur Folge, dass die Nahrungsmittel immer billiger wurden und die Menschen für das Essen heute nur mehr einen Bruchteil dessen ausgeben, was sie vor vierzig Jahren dafür zahlten. Die Krise macht eine Entfremdung deutlich. Der Großteil der Menschen geht in den Supermarkt und kauft dort - fein säuberlich und g'schmackig verpackt - sein Fleisch. Es ist eine Tatsache, dass wir das Wissen verloren haben, wie Tiere aufwachsen und unter welchen Bedingungen sie "produziert" und geschlachtet werden. Die Bilder von Massentierhaltung und Massenschlachtungen lösen bei uns einen Schock aus. Die eingepferchten Tiere werden behandelt wie industrielle Massenprodukte und nicht als Lebewesen. Dem Konsumenten kommt bei der Systemänderung die entscheidende Rolle zu. Er steuert mit seinem Einkaufsverhalten, wohin die Reise geht. Er muss zwar seine Gewohnheiten ändern, doch bekommt er im Gegenzug bessere Qualität. Dazu bedarf es seines persönlichen Einsatzes. Wenn er sich erkundigt, wo und unter welchen Bedingungen was produziert wird, weiß er, was er sich und seinem Körper antut. Er kann sich ein Netz von persönlichen Bezugsquellen aufbauen: Märkte, Bauern, Bioläden, bestimmte Geschäfte etc. Ökologische Produkte sind zwar etwas teurer, aber mit bewusstem Einkaufsverhalten kann auch gespart werden: Qualität statt Quantität. Carlo Petrini, der Begründer der italienischen Slow-Food-Bewegung, definiert im Zeit-Gespräch den Umbauprozess in der Landwirtschaft anhand von drei Regeln:
  • Weniger und langsamer produzieren, die natürlichen Wachstumsprozesse sind zu akzeptieren.
  • Konsum und Vermarktung sollten regionalisiert werden, mehr Direktvermarktung.
  • Die ganze Lebensmittelherstellung muss wieder an eine Region, ihre Traditionen und Identität eingebunden werden, die Vielfalt regionaler Spezialitäten gegen die maskierte Monotonie im Supermarkt gesetzt werden.
Die Landwirtschaft steht vor der Herausforderung, sich ein neues Selbstverständnis aufzubauen. Die Bauern sollten idealerweise nicht mehr nur die Bevölkerung gesund ernähren, sondern auch für eine gesunde Umwelt wesentlich mitverantwortlich sein. Dabei dürfen sie von Gesellschaft und Politik nicht im Stich gelassen werden. Diese haben den Rahmen zu setzen, in dem naturgemäße Nahrungsproduktion gefördert wird. Nur so besteht die Chance, dass ökologische Landwirtschaft keine Nische bleibt, sondern sich auf dem Markt auch durchsetzen kann. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.1.2001)