Trotz Nasdaq-Abstürzen und der Gefahr einer Rezession in den USA ist die New Economy eine Realität. Sie ist und bleibt der Schlüssel für einen Konjunkturaufschwung in Europa und Japan. Aber wo liegt ihr Kernbereich? Sind es wettbewerbsfähigere Arbeitsmärkte, effizientere Steuersysteme oder Deregulierung? Auch Corporate Governance - unternehmerischer Führungsstil - ist in der Neuen Wirtschaft ein nicht zu unterschätzender Motor.

Gelingt es dem Manager, effiziente, flexible Strukturen aufzubauen, um den Profit zu maximieren, wird sich das Unternehmen dem technischen Fortschritt anpassen und neue Möglichkeiten der Produktivität und Kostenkontrolle erforschen und nützen. Sind Dezentralisierung und Risikobereitschaft wichtige Faktoren eines Unternehmens, setzt sich auch innovatives Denken bei der Produktion und den Produkten durch. Verhalten sich Firmenchefs aber wie übervorsichtige Nachlassverwalter eines großen Besitzes, wird das Geschäft bald einem Museum gleichen.

Spiegelbild

Die Wirtschaftsstärke eines Staates ist das Spiegelbild der Leistung seiner niedergelassenen Unternehmen. Länder mit effizienten Firmen erbringen gute Leistungen. Wo sind also die Spitzenmanager dieser Welt zu finden? Eine kürzlich von Londons Financial Times durchgeführte vergleichende Management-Studie kam zu folgendem Ergebnis: Die 50 angesehensten Firmen sind in den USA zu finden: heute 33, in fünf Jahren 31; in Europa: 13 bzw. 16; und in Japan: vier bzw. drei.

Mehr als die Hälfte der erfolgreichen Unternehmer stammen aus den USA. Obwohl kollektiv von derselben Größe, hat Europa weit weniger Siegerteams als die USA, und Japan, die kleinste der drei Wirtschaftsgroßmächte, schafft nicht einmal seinen prozentuellen Anteil am Gesamtvolumen des G7-Einkommens bzw. -Kapitals.

Diese Statistik spricht Bände: Die Leistung der US-Wirtschaft ist so überzeugend wie die seiner Unternehmer; Europa ist weit abgeschlagen; Japan ist nicht der Rede wert.

In fünf Jahren, so die Prognose der FT-Studie, wird es in der Oberliga einige Verschiebungen geben: Europa holt auf, Japan verliert noch mehr an Boden, und die USA geben etwas von ihrem Vorsprung ab. Dieser kurze Blick in die Zukunft bestätigt, was man heute bereits eine in die Jahre gekommene US-Wirtschaft nennt, während Europa langsam, aber sicher zulegt, weil die Neue Wirtschaftskultur endlich Fuß fasst. Die Studie zeigt auch, dass nur wenige Firmen in Japan mit der Weltklasse mithalten können. An einsamer Spitze liegt Sony, gefolgt von NTT, während Honda und Matsushita, alt und müde, wahrscheinlich in die zweite Liga absteigen.

Die Dynamik der nächsten fünf Jahre wird auch zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen der Großkonzerne führen. Boeing versus Airbus ist vielleicht das beste Beispiel. In den Rankings raufen beide jetzt schon um den untersten Platz in der Liste der Giganten.

Airbus vor Boeing

In fünf Jahren allerdings könnte Airbus die Champions League anführen und Boeing ganz rausfliegen. Warum? Airbus hat vorausblickend investiert, ein neuer Jumbojet wird Boeings Produkte alt und schäbig aussehen lassen. In der Flugzeugindustrie weht ein kalter Wind, das hat Boeing in allzu großer Selbstzufriedenheit vergessen.

Wenn wir an Potenziale in der Wirtschaft denken, fallen uns sofort Begriffe ein wie Qualifikation, Ausbildungsniveau, Einsatzbereitschaft. So gesehen müssten Europa und Japan dank ihres überlegenen Grundschulsystems die USA haushoch besiegen, und was Disziplin anbelangt, erscheinen die Europäer, verglichen mit den Japanern, langsam und faul. Tatsächlich entscheiden weder Fleiß noch Ausbildung. Was zählt, ist das wirtschaftliche Gefüge, in dem Menschen arbeiten - Marktwirtschaft gegen verschiedenste sozialistische Systeme -, die Logistik von Arbeitsabläufen, an denen sie teilhaben.

Die perfekte Corporate Governance wird es nie geben. In den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war Japan mit seinem langfristigen Planungsmodell das allgemeine Vorbild. Das ist längst Vergangenheit. Dann rückte Deutschlands Integrationsmodell von Unternehmen und Banken in den Vordergrund. Das ging so lange gut, bis sich herausstellte, dass die gemütlichen Beziehungen zwischen Bankern und Bossen auf die Kapitalerträge drückten.

Schlanke Strukturen

Jetzt ist das US-Modell in: dezentralisiert, schlankes mittleres Management, harte Bandagen auf CEO-Ebene (Chief Executive Officer), Code: Don't take no for an answer. Das ist auch nicht die letzte aller Antworten, wenngleich sie mo- mentan den unternehmerischen Geist und die Reformfreudigkeit beflügelt.

Ist es also sinnvoll, die Unternehmenskultur alle zehn oder 20 Jahre zu ändern? Die pragmatische Antwort lautet, dass sehr verschiedene Modelle notwendig sind, um eine stabile und stationäre Welt zu kontrollieren, im Gegensatz zu einer Welt der Deregulierung und des technischen Fortschritts, in der dramatische Veränderungen auf der Tagesordnung stehen. In Zeiten wie diesen bewährt sich das US-Modell. Es heißt also: festhalten. Rudi Dornbusch ist Ford-Professor für Wirtschaft am Massachusetts Institute for Technology (MIT), Cambridge, USA. © Project Syndicate, Prag 2001 (D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 29. 1. 2001)