Bevor Sie jetzt weiterlesen, wie in Martin Amanshausers Roman Nil die Zukunft aussieht, stellen Sie sich das einmal vor: Österreich in zehn Jahren. Nein, es wird keine großartigen technologischen Veränderungen geben, die unser Leben völlig umkrempeln und auf den Kopf stellen werden. Bei Martin Amanshauser sieht die Zukunft der Gegenwart zum Verwechseln ähnlich. Und ja, die schwarz-blaue Regierung hat bis dahin längst abgedankt: "Denken Sie an die frühen Nuller Jahre, an diesen Jörg Haider, Gott hab ihn selig, damals war Politik so naiv. Über die Rechtskoalition Schüssel samt ihrem peinlichen Ende brauche ich Ihnen nichts zu erzählen." Amanshauser überlässt dieses "peinliche Ende" der Fantasie des Lesers und zwirbelt die innenpolitische Lage zu einer Groteske, die nach dem Prinzip alles wird immer schlimmer angelegt ist. Vera Russwurm wird Bundespräsidentin, auf Jörg Haider folgt ein gewisser Ulf Schneyder, der mit seiner "Freien Front" Angst und Schrecken verbreitet. In Nebensätzen wird ungeheuerliches enthüllt: Das Land befindet sich in einem Strudel permanenter Neuwahlen, ein radikaler Umsturz steht bevor und Österreich wird vom Ausland ins Visier genommen. Die Krise bildet den Normalzustand und das drückt auf das Gemüt der Figuren. Sie begegnen allem mit achselzuckender Interesselosigkeit und lassen sich nur gelegentlich zu scharfzüngigen politischen Kommentaren hinreißen: "Die Staatsbürger haben nichts dazugelernt. Faschistisch oder katholisch - etwas anderes wählen diese Provinzler niemals." Spürbares apokolyptisches Zeichen ist die siedende Hitze, die im Juli 2010 in Wien herrscht - "die Stadt ist zum Eierbraten". Die Geschichte spielt zwar in der unmittelbaren Zukunft Österreichs, aber Österreich spielt nicht die Hauptrolle. Amanshauser führt anderes im Schilde. Ihn interessieren die verzwickten Liebesbeziehungen zweier Schwestern, die zu guter Letzt in einem morbiden Kastrationsakt gipfeln. Wie seinen vielbeachteten Stadtkrimi Im Magen einer kranken Hyäne (1997) siedelt der 1968 in Salzburg geborene Autor und Übersetzer seinen Roman im Wiener Lokalkolorit an. Diesmal streift er durch die bierselige Vorstadt, muffige Sex-Shops und abgewrackte Redaktionen, trash as trash can. Die Icherzählerin Fiona ist Anfang 20, fotografiert für die Boulevardzeitung "Bunter Hund" und raucht Zigaretten der titelgebenden Marke "Nil". Ihre Lebensphilosophie pendelt zwischen hausbackenen Ansagen wie "wir Menschen sind keine Filme, die jemand anderer belichtet. Wir müssen uns selbst entwickeln" und resignierter Abgebrühtheit: "Pessimismus ist meiner Ansicht nach ein untrügliches Merkmal für Intelligenz und Lebenslust." Die Beziehung zu ihrer älteren Schwester Tanja wird von der Vergangenheit überschattet. Die beiden haben früh ihre Eltern bei einem Flugzeugunglück verloren, Tanja springt als Mutterersatz ein, wird dieser Rolle aber bald überdrüssig. Durch das unerwartete Auftauchen von Charlie, einem dumpfen Kleinkriminellen und Ex-Freund, wird Tanja von ihrer Vergangenheit eingeholt und die ahnungslose Fiona steht zwischen den Fronten. Die Handlung gerät immer mehr aus den Fugen und eine absurde Situation reiht sich an die nächste. Doch die Schwestern nehmen die Entwicklungen mit einer erstaunlichen Gelassenheit hin, selbst Sexorgien des politischen Spitzenkandidaten Schneyder, ein gelynchter Kater und Fionas Geiselnahme können sie nicht erschüttern. Auch beim detailliert geschilderten Kastrationvorgang zittern ihre Hände kein bisschen. "Ganz innen sind vielleicht alle Männer harmlos", sagt Fiona einmal. Sie und ihre Schwester sind es sicher nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28. 1. 2001).