Es ist diese Grundsätzlichkeit, die die Herabwürdigung von Alfred Gusenbauer durch die FPÖ aus- und so wirksam macht. Jörg Haider nennt den SPÖ-Chef konsequent "Gruselbauer". Nur und ausschließlich. Dem freiheitlichen Publikum gefällt’s - noch immer. Das dazugehörige Verb zu Gruselbauer heißt seit dem vergangenen Sommer, dem Sommer der Sanktion, "champagnisieren". Gruselbauer champagnisiert. Peter Westenthaler muss sich mit seinem Chef in Kärnten, dem einfachen Parteimitglied, darum streiten, wer das Copyright auf "champagnisieren" innehat. Mittlerweile ist es aus der freiheitlichen Rhetorik kaum noch wegzudenken. Wer in der FPÖ etwas auf sich hält und beim Publikum billige Punkte sammeln will, bringt eben "Gruselbauer" - das rutscht runter - und "champagnisieren" - schon deutlich ungelenker, aber hoch empörungswirksam - in unmittelbarer Abfolge zur Anwendung. In den schweren Stunden und Tagen mit Österreichs Feinden. Links im Bild Pierre Moscovici, der französische Europa-Minister, milde lächelnd, das Glas in der Hand, daneben Alfred Gusenbauer, etwas steif in der Körperhaltung, wie er Frankreichs Außenminister Hubert Védrine zuprostet, der ebenfalls das Glas hoch erhoben hält. Aufgenommen am 5. September in Paris, ein Funkbild der französischen Presseagentur. Des Verrats geziehen Für Gusenbauer war es eine "No win"-Situation. Teils hat er sich selbst hineinbegeben, teils wurde er hineingeschubst. Er traf mit Großbritanniens Tony Blair zusammen, mit Außenminister Robin Cook, mit Frankreichs Lionel Jospin, mit dem deutschen Kanzler Gerhard Schröder, mit Belgiens Außenminister Louis Michel - und konnte nichts erreichen, nichts, was er in Österreich als Erfolg verkaufen hätte können. Und wurde dafür des Verrats geziehen. Die Regierung warf ihm vor, weiter Öl ins Feuer zu gießen und gemeinsam mit Österreichs Feinden an einer Festigung der Sanktionen zu arbeiten. Die FPÖ brandmarkte ihn als Vernaderer, dem es an Patriotismus mangele. Grünen-Chef Alexander Van der Bellen hatte die Situation rechtzeitig erkannt, war ausgestiegen, hatte die Reisen ins "Feindesland" abgesagt, Einladungen ausgeschlagen. Gusenbauer gab derweil den Staatsmann, der er nicht war und als der er in Österreich auch nicht gesehen wurde. Der SP-Chef war in die Sanktionsfalle getappt. Die Regierung hatte von den Sanktionen profitiert, und sie hatte auch von deren Aufhebung profitiert. Mit großem Genuss zitierte Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer beim Neujahrstreffen der FPÖ aus der Biografie Alfred Gusenbauers, die im Herbst vergangene Jahres erschienen war. "Ein einsames Licht leuchtet im Großraum Scheibbs. Während seine Bürger schlafen, setzt Gusenbauer sich noch mit aktuellen Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Kultur auseinander. Es war ein langer Tag. Und er ist noch nicht zu Ende. Gusenbauer denkt über die Zukunft Europas nach." Das bedurfte keiner Hinzufügung, dem dankbaren Publikum erschloss sich der Spott auch so. Dabei war eben der letzte Satz des vermeintlichen Zitates eine Hinzufügung, war frei erfunden, von Riess-Passer selbst hinzugedichtet. Und genau darin bestand der Hohn. Ausgerechnet Mallorca Was ihm der politische Gegner nicht umhängte, das besorgten die Genossen. Alfred Gusenbauer hatte am Flughafen Wien-Schwechat wahrscheinlich noch nicht einmal eingecheckt, da setzte die Debatte über seine Führungsqualitäten bereits voll ein. Es war April, Gusenbauer war gerade zu einem Kurzurlaub nach Mallorca - ausgerechnet! - aufgebrochen, die Sanktionen standen in voller Blüte. Viele in der SPÖ hatten die Kür Alfred Gusenbauers zum neuen Parteivorsitzenden noch nicht verarbeitet. Es schien höchste Zeit, diese Entscheidung einmal offen, also hinter seinem Rücken, noch einmal zur Debatte zu stellen. Im August wiederholte sich dieser Vorgang - Gusenbauer weilte gerade in Südfrankreich. Die Kritik an Gusenbauer war kaum inhaltlich begründet, sie entzündete sich vielmehr an seiner Person. Eigentlich an seinem Aussehen, seinem Auftreten. G’scheit ist er ja, aber kommt das auch rüber? Müssen Parteichefs fesch sein? Ist Wolfgang Schüssel fesch? Eben. Aber bei Alfred Gusenbauer wurde breit über seine Lippen und seinen Haarschnitt diskutiert. Sein Kleidungsstil erschien manchen zu gestylt, zu modisch, nicht immer geglückt. Der junge Parteichef selbst schürte diese Diskussionen noch, indem er sich modischen Experimenten hingab und in die Pressestunde etwa ohne Krawatte und Brille ging. G’scheit ist er ja, ein politischer Mensch zweifellos, aber kommt das auch rüber? Wer Gusenbauer zuhört, gerät rasch ins Beobachten - wie er mit seiner Gestik dem Inhalt mehr Gewicht zu geben trachtet, wie die rechte Hand die Luft zerschneidet, mit der flachen Kante oder Daumen und Zeigefinger aneinander gelegt, von oben nach unten, in scharfen Bewegungen vom Körper weg, immer mehr nach außen hin, bis die Argumentation abgeschlossen ist. Ein letztes Mal fährt die Hand herunter. Punkt. Das wirkt gestelzt, wenig geschmeidig. Und dann diese Sprache. Man stößt sich nicht am Inhalt, an der Argumentation, es ist die Färbung, das niederösterreichische Idiom, die Härte der Konsonanten, die es manchen schwer macht, dem Inhalt und damit dem Chef zu folgen. Da gefällt es dann auch den eigenen Parteifreunden nicht, wenn einer, der aus Scheibbs kommt, mit den Großen Europas, allerdings den Sanktionsbetreibern, "champagnisiert". Wie ungeschickt. Dabei gehört Gusenbauer keineswegs der Champagner-Fraktion an, wenn schon nicht der Toskana-Fraktion, weil frankophil, dann aber jedenfalls der Rotwein-Fraktion. Erst recht, wenn es um europäische Zusammenhänge geht. 12. Juni 1994, der Tag der österreichischen EU-Abstimmung, ein Zitat aus dem Buch "Alfred Gusenbauer - Ein Portrait", diesmal ganz ohne Hinzufügung: "Dieses epochale Ereignis verlangte nach einer ganz besonderen Würdigung, und so stieg Gusenbauer des nächtens in seinen Weinkeller hinab und holte ein Flasche Pichon Comtesse de Lalande‘, Jahrgang 1982, ein wahrlich besonderes Tröpfchen, hervor, um mit Eva auf diesen einzigartigen und richtungweisenden Schritt der österreichischen Bevölkerung anzustoßen."