Innsbruck - Mit ungeheurer Dynamik, atemberaubendem Tempo und stupendem tänzerischen Format setzte das Ensemble des Tiroler Landestheaters das ausverkaufte Haus unter Spannung: Sergej Prokofjews Ballettdrama Romeo und Julia , vom neuen Innsbrucker Tanztheater-Chef Jochen Ulrich unkonventionell und fesselnd neu erzählt (Libretto von Dietlind Rank nach Shakespeare) und vom jungen Kapellmeister Patrick Furrer und dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck mit zündendem Elan musiziert, ließ die Wogen der Begeisterung hochgehen.

Im graphischen Bühnenbild von Alfio Giuffrida mit fahrbaren Balkongestängen und raffiniertem Lichtdesign prallen Welten aufeinander: Das Haus Capulet, eine bis an die Zähne bewaffnete, faschistoide Gesellschaft, und auf der anderen Seite die frei sich austobende junge Straßen-Gang der Montagues mit Punkfrisuren, übermütigem Witz und unbändiger Lebenslust - zwei unvereinbare Prinzipien, die nur die beiden Liebenden überwinden.

Die zierlich-kindliche Anna Hein als Julia und der Romeo des Fabrice Jucquois sind ein "Traumpaar" jenseits aller Erdenschwere, wenn er sie in zärtlichem Perpetuum durch die Lüfte wirbelt, wenn sie hingegeben aneinander geschmiegt Tanz zum Ausdruck innigster Gefühle stilisieren. Und wenn sie vor dem Sonnenanbeter Pater Lorenzo (Pascal Sani) knien, einen goldenen Ball in Händen, scheint sich - fern jeder Sentimentalität - ein Traum zu erfüllen.

Dann wieder die harte Realität der wilden Straßenkämpfe, der entfesselten Fechtszenen (von Olympiameister Markus Robertsch einstudiert), an denen auch die Frauen beteiligt sind: Die strenge Lady Capulet (Dagmar Kostolnikova) kämpft mit dem Brutalo Tybalt (Frantisek Kostolnik) übrigens auch sexistisch. Die Montagues setzen ihr überschäumendes Temperament in tollen Sprüngen um; noch im Tod ein virtuoser Spaßvogel ist Eric Trottier als hinreißender Mercutio.

Zwischen den Fronten wirbelt die unermüdlich um Julias Wohl besorgte Carla Ramos als Amme herum und wird selbst auch ein Opfer der Gewalt. Die psychologische Deutung jeder einzelnen Figur ist es, mit der Jochen Ulrichs Choreographie das akademisch-romantische Korsett sprengt, ohne deswegen auf Form, Schönheit und Poesie zu verzichten. Dazu gehört auch die illustrierende Originalität der von ihm und Marie-Theres Cramer entworfenen Kostüme. So bleibt alles in Balance: Ästhetik, Technik, Emotion, Glaubwürdigkeit der Gefühle. Ein großer Abend.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 1. 2001).