Wien - Das Seil ist fest gezurrt. Vater Garrett und seine Kinder Peter (Chris O'Donnell) und Annie (Robin Tunney) hängen an der Steilwand eines Felsens im Monument Valley. Dann ist das Gewicht zu groß, alle drohen abzustürzen, und Peter kappt endgültig die Nabelschnur. Zurück bleibt ein traumatisiertes Geschwisterpaar.

Im Basislager am K2 treffen sie wieder aufeinander, wo beinahe ein jeder mit seiner albernen Vergangenheit im Unreinen ist: Der Unternehmer Vaughn (Bill Paxton) plant den Aufstieg zum Gipfel, um seinem jüngsten Flugzeug vom Gipfelkreuz zuzuwinken. Montgomery Wick (Scott Glenn) kampiert dort als Eremit und sucht seine verschollene Frau, die Königin im Eis. Zwei Hippie-Brüder rauchen Haschisch und liefern vermeintlich satirisch den Kommentar zum seltsamen Treiben am Berg.

Der Himalaya ist der einzige in Vertical Limit, der jüngsten topographischen Neuorientierung des US-Spektakelkinos, der unaufgeregt bleibt und sich majestätisch in Nebel hüllt. Hin und wieder juckt es ihn, dann lässt er einen Sturm aufziehen oder eine Lawine abgehen. Die Expedition endet daraufhin, auf drei Personen dezimiert, in einer Gletscherspalte, wo einem langsam das Wasser in die Lungen steigt.

Hybris hieß das einmal in der Antike, wenn man sich mit einer Gewalt messen will, mit der man sich nicht messen darf. Das Urteil der Tragödie war meistens rechtskräftig. Daran hat sich auch in Vertical Limit wenig geändert. Die Natur beherrscht eben die Selektion: Der Berg holt sich die Bösen, die Guten kriegen eine letzte Chance - müssen sich aber erst bewähren im Kampf mit dem Eis, dem Schnee und den eigenen Grenzen, wenn sie zu den Verschütteten vordringen wollen.

Die Regie Martin Campbells (Golden Eye) überlässt ein Prinzip, die visuellen Sensationen, dem Computer, das andere, die dramatische Auseinandersetzung der Figuren, haben bereits die Drehbuchautoren zum Witz erklärt. Schematischer kann man keine Charaktere mehr zurichten - da dient die pakistanische Armee nur noch als Lokalkolorit, die zum Spaß Kanonensalven gen Indien abfeuert.

Die jüngsten Abenteurer des US-Actionkinos, - ob die Sturmjäger in Twister, die Sturmopfer in The Perfect Storm oder nunmehr die Bergsteiger am Vertical Limit -, sie laborieren an keinem unsteten Entdeckergeist mehr, sie sind vielmehr Pauschaltouristen, dazu verdammt, das Immergleiche mit antrainiertem Staunen zu erdulden. Am Ende jeder Achterbahnfahrt stehen dann jedoch die kläglichen Reste des alten Erzählkinos: Eine Gefahr ist überstanden, ein neues Pärchen hat sich gefunden. Höchste Zeit, die Zelte abzubrechen und neues Terrain zu suchen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 1. 2001)