Die multiethnische Metropole an der Maas will sich 2001 in ihrer Vielfalt und Heterogenität präsentieren. "Rotterdam ist viele Städte" lautet daher das Thema der "Culturele Hoofdstad van Europa". Wie das Jahr beginnt naturgemäß auch das Kulturhauptstadtjahr am 1. Jänner. Und so begann jenes, das Rotterdam heuer begeht, am Neujahrstag - mit einem Konzert, das die Obdachlosen der "Werkstad" (und von diesen gibt es Tausende) in der Laurenskerk, der Laurentiuskirche, bestritten. Vergangenes Wochenende schließlich folgte als Gegenstück die offizielle Eröffnung - in Anwesenheit von Königin Beatrix sowie des portugiesischen Präsidenten Jorge Sampaio, da ja auch Porto von der EU zur Kulturhauptstadt Europas 2001 ernannt worden war. Als verbindendes Element trat daher zum Beispiel der in Porto geborene, in Holland lebende Fado-Sänger Fernando Lameirinhas auf - mit einem rührseligen Lied über die beiden Hafenstädte. Ansonsten war die zwei-stündige Show im Veranstaltungszentrum De Doelen eine Art Trailer über all das, was in den nächsten Monaten, zumeist ab April, im Rahmen von R 2001 passieren wird: Musical, Kabarett, Breakdance u. a. Über 300 Veranstaltungen sind vorgesehen, das operative Budget beträgt 51 Millionen Gulden (318 Millionen Schilling), je zu einem Drittel vom Staat, von Sponsoren und der Stadt finanziert. Da aber der Großteil des Programms in Koproduktion entsteht und das Epitheton ornans "Culturele Hoofdstad" Anlass für viele infrastrukturelle Maßnahmen war, liegen die Gesamtausgaben um ein x-faches höher: Der Tourist soll, so der Wunsch der Rotterdamer Stadtväter, künftig länger als für ein paar Stunden kommen (wie bisher) und mehr als 250 Schilling ausgeben. Doch nicht alle Projekte mit Nachhaltigkeit ließen sich in der Zeit realisieren. Aber das gehört wohl zum Wesen der Kulturhauptstadt: Porto wird das ganze Jahr über Baustelle bleiben. Und Graz seine Kunsthalle frühestens gegen Ende des Kulturstadtjahres Wotruba und West In Rotterdam waren Arbeiter (in Holzschuhen!) noch am Eröffnungstag mit der Skulpturenterrasse am Westersingel beschäftigt, die aus fünf Kunstwerken besteht (u. a. von Fritz Wotruba) und in den nächsten Monaten um weitere aufgefettet werden soll - beispielsweise im April mit einer Arbeit von Franz West. Im April wird auch das neue Luxor-Theater (in Nachbarschaft zum Hotel New York, dem geschichtsträchtigen Gebäude der Holland-Amerika-Linie) eröffnet. Und im April werden die Renovierungsarbeiten am Museum Boijmans Van Beuningen abgeschlossen sein, in dem ab 27. Mai eine Peter-Bruegel-Ausstellung zu sehen ist. Der seit langem geplante Zubau allerdings dürfte frühestens im Frühjahr 2002 fertig gestellt sein. Gar nur Projekt blieb das Asklepion , ein Museum über den menschlichen Körper, für das Niki de Saint Phalle eine über 30 Meter hohe begehbare Skulptur entworfen hatte. Dennoch gibt es in der 1940 niedergebombten, nach dem Krieg weitläufig hochgezogenen Industriestadt, die zuweilen mit exemplarischer Architektur zu beeindrucken vermag, schon derzeit genügend zu sehen: In der Kunsthal , Ende der 80er-Jahre von Rem Koolhaas entworfen, zeigt man bis 16. April als Übernahme aus dem Musée du Luxembourg die Pinakothek des deutschen Arztes Gustav Rau mit Meisterwerken aus fünf Jahrhunderten - darunter ein Frauenporträt von Gustav Klimt, das trefflich in die Sonderausstellung der Österreichischen Galerie, Klimt und die Frauen , gepasst hätte. Und im großzügig erweiterten, kürzlich wiedereröffneten Wereldmuseum (= Weltmuseum) präsentiert man nicht nur die herausragende Sammlung ("De Schatkamers"), sondern auch die Schau Rotterdamers , die sich der Multikulturalität in der Stadt mit dem weltgrößten Hafen widmet. Rund um den ehemaligen Damm am Flüsschen Rotte leben schließlich Menschen aus 162 Nationen. Das Nebeneinander der Kulturen und die damit einhergehenden Probleme sind denn auch zentrale Fragen von R 2001 , so Bert van Meggelen, der Intendant: "Wie kann man in eine derart heterogene Stadt, deren Einwohner zu mehr als 50 Prozent aus Immigranten besteht, so etwas wie Kohäsion hineinbringen?" Die Antwort ist einfach: Indem man, inspiriert von Italo Calvinos Roman Die unsichtbaren Städte , behauptet: "Rotterdam ist viele Städte." Und jeder dieser zehn Städte - City of the Future, Home Town, Working City etc. - ist ein Kapitel, eine Veranstaltungskomplex gewidmet. In der Ausstellung Rotterdamers aber sind alle Texte nur auf Holländisch. Ein englisches Hand-out sei in Vorbereitung. Vermutlich ab April. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 1. 2001)