Selten passte das Bild von den "langsam mahlenden Mühlen der Gerechtigkeit" so gut wie im Fall Pinochet. Vor genau drei Jahren wurde gegen den damals noch als unantastbar geltenden Exdiktator in Chile eine erste Strafanzeige eingebracht. Doch so gut wie niemand glaubte, dass es jemals zu der gestern erhobenen Anklage wegen der unter seiner Herrschaft (1973-1990) begangenen Verbrechen kommen würde. Erst über den Umweg von London, wo Pinochet 500 Tage lang festgehalten wurde, ehe man das Auslieferungsbegehren eines spanischen Richters negativ entschied, ging der Ball an die Justizbehörden Chiles zurück. Im März 2000 machte sich der Untersuchungsrichter Juan Guzmán an die Aufgabe, Pinochet vor Gericht zu bringen. Die Anwälte des alten Despoten, die ihn schon der britischen Justiz entwunden hatten, schienen auch diesmal einen Ausweg zu finden: Betagte Beschuldigte müssen in Chile - zu ihrem eigenen Schutz - auf ihren (Geistes-)Zustand untersucht werden. Pinochet weigerte sich; Guzmáns dennoch eingebrachte Anklage wurde vom Höchstgericht abgewiesen. Am 10. Jänner stellte sich Pinochet doch der Untersuchung - nach einem Gespräch mit Heereschef Ricardo Izurieta, der ihm anscheinend gedroht hatte, die Armee würde ihm andernfalls die Unterstützung entziehen. Wegen eines Pinochet wollen auch Chiles Militärs heute keine Staatskrise mehr riskieren. Pinochets Verhandlungsfähigkeit wurde festgestellt; im nachfolgenden ersten Verhör stritt er aber jede Verantwortung für die Ermordung von Oppositionellen ab. Da traf ihn, am Donnerstag voriger Woche, ein weiterer Schlag: Der Exgeneral Joaquín Lagos sagte, Pinochet selbst habe ihm die Anfertigung einer Todes- liste befohlen. Eine Verurteilung scheint nun möglich. Isabel Allende Bussi, Tochter des 1973 von Pinochet gestürzten Präsidenten Salvador Allende, sagte bereits, der 85-Jährige solle sie zu Hause absitzen, eine Inhaftierung wäre "unmenschlich". (DER STANDARD, 30.1.2001)