Langsam kommt Leben ins "Las Vegas". Es ist fünf Uhr nachmittags - Zeit für Tee und Tanz. Die Damen haben ihre besten Röcke und Blusen angelegt, ihre Begleiter Anzug und Krawatte. Galant reichen die Herren den Arm und geleiten zum Cha-Cha-Cha auf die Tanzfläche. Zurück bei Tisch gönnt man sich auch mal ein Gläschen Sherry zur Feier des Tages. Das fröhliche Publikum hat das Tanzschulalter längst hinter sich. Ähnliche Szenen spielen sich auch in zahlreichen anderen großen Cafés entlang der Strandpromenade ab, im "Manila" etwa sorgt der Hammondorgelspieler immer wieder mit der Lokalhymne "Benidorm" für gute Stimmung und eine volle Tanzfläche. Es ist Winter in Benidorm, ein Paradies für Pensionisten. Die spanische Küstenstadt kennt keine tote Saison: Im Sommer überrennen junge Menschen die knapp 50.000-Einwohner-Stadt an der Costa Blanca. Mehr als ein Drittel der Urlauber im Sommer, so die Stadt-Statistik, ist jünger als 30 Jahre. Einige Hunderttausend Menschen bevölkern dann die breiten Boulevards der Neustadt und engen Gassen der bescheidenen Altstadt. Fast genauso voll, aber weitaus leiser und charmanter präsentiert sich Benidorm im Winter. Jetzt ist mehr als die Hälfte der Gäste über 60 Jahre. Und die schätzen besonders die gute Versorgung: mit Supermärkten (die Deutschen finden hier auch Aldi), mit günstigen (wenn auch selten guten) Restaurantes und mit enorm vielen Ärzten - die Doktoren kommen meist aus denselben Ländern wie ihre betagten Patienten: Großbritannien, Deutschland, Belgien . . . Boomtown Benidorm, ausgerechnet. Spaniens Tourismuspolitiker haben seit Jahrzehnten viel Mut zur Hässlichkeit bewiesen und die Küste mit Beton zuklotzen lassen. Benidorm ist ihr Meisterwerk geworden. Hier, eine halbe Autostunde vom Flughafen Alicante entfernt, reiht sich Wolkenkratzer an Wolkenkratzer.

"Viele Bekannte erklären mir immer wieder, wie schrecklich Benidorm doch sei", erzählt Josef Kovarik: "Dabei ist es perfekt. Es hat den Flair einer Großstadt und eines Badeortes." Der 79-jährige Wiener hat einige Male mit seiner Frau gleich mehrere Monate in Benidorm verbracht, und er will es wieder tun.

Zehn Millionen Nächtigungen zählte die Stadt 1999 in den 122 Hotels, da sind die Gäste in den zahllosen (mietbaren) Privatappartements nicht eingerechnet. In den vergangenen drei Jahren ist die Bevölkerungszahl um fast 13 Prozent gestiegen. Dabei melden sich ausländische Erst- und Zweitwohnungsbesitzer nur selten ordnungsgemäß an. Dieses Paradies ist vielleicht nicht perfekt, aber leistbar. Und die Wahl zwischen Rentenzeit im hässlichen Hochhaus am Stadtrand einer Industriestadt oder am Sandstrand von Benidorm fällt vielen nicht schwer. Dabei gibt sich Benidorm gar keine besondere Mühe, schöner zu wirken, als es ist. Hier gibt es keine Luxushotelanlagen mit tropischen Gartenlandschaften. Der Stadtentwicklungsplan von Benidorm ist denkbar einfach: Die ganze Stadt ist immer währendes Bauland. Dieser Aufforderung aus den 50er-Jahren wird auch heute noch gerne Folge geleistet. 2001 werden wieder zwei Wolkenkratzer fertig gestellt: das 185 Meter hohe Hotel Bali III, der höchste Stahlbetonbau Europas, und das Platz sparende 145 Meter hohe, dafür nur 27 Meter breite Appartementhaus Neguri Gane. Für großzügig angelegte Parks bleibt da kein Platz (und Süßwasser ist ohnehin knapp), außerdem gibt es ja fünf Kilometer wunderbaren Sandstrand. Zu Füßen der Betontürme, vor allem an der Strandpromenade, spielt sich das gesellschaftliche Leben ab. Und das ist im Winter entspannt und höchst beschaulich. Im "Heartbreak-Café" werden Herzen nur sommers gebrochen, jetzt schweigen sich die Paare zufrieden an und beobachten die Flaneure an der langen Uferpromenade. Da streifen, bei 15 Grad plus, Damen im Pelz vorbei, während gleich daneben am Sandstrand ein paar Unentwegte im Badezeug in der Sonne bibbern. Reicht das wirklich für einen Traumurlaub? "Benidorm ist keine Stadt, um Urlaub zu machen", versucht Josef Kovarik ein Missverständnis zu klären, "es ist eine Stadt zum Leben." Und die meisten Wintergäste bleiben deshalb gleich mehrere Monate. Große Abenteuer und überwältigende Events sind dabei weder erwünscht noch wahrscheinlich.

Und sollten sich doch junge Leute mit Lust auf Erlebnisurlaub hierher verirren - dann gibt's ja noch Terra Mítica. Seit einigen Monaten thront der neue Erlebnispark auf einem Hügel über Benidorm. Im Winter ist hier nicht viel los. Trotzdem, vor dem Karussell für die Kleinsten müssen sich die Kids anstellen - und die Erfahrung machen, dass ganz Benidorm im Winter den Pensionisten gehört. Immer wieder drängen sich gut gekleidete, ältere Damen an den Kindern vorbei und zwängen sich ins Gänse-Ringelspiel. Kichernd wie Teenager. Renée Lugschitz

Infos: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Walfischgasse 8/14, A-1010 Wien, Tel. (01) 512 95 80, Fax (01) 512 95 81, www.tourspain.es