Seine Weltanschauungen hat er alle paar Jahre geändert - wie lange wird er wohl diesem Schwur treu bleiben? Also schrieb Günther Nenning, mit 79 Jungspatz im kleinformatigen Ahnl-Blatt gestern unter dem Titel Hinab zu den Müttern: Also ich hab mir geschworen, zu runden Tischen oder länglichen, wo's um "Identität" geht, setz ich mich nicht mehr hin. Ein bescheidenes Versprechen, kann er doch sicher sein, dass der ORF ihn ganz bestimmt - nicht um seinetwillen, sondern um der "Kronen Zeitung" zu Willen zu sein - zu allen möglichen runden Tischen einladen wird. Da kann er ruhig als Senilissimus agieren, wie bei der letzten "Betrifft"-Runde über die Pille für den Mann, wo sich der zweite "Krone"-Kolumnist, mit metaphysischen Beiträgen zum Thema glänzend, als geradezu seriös erwies. Am liebsten würde der ORF seine Diskussionsrunden ja nur noch mit "Krone"-Leuten besetzen, was nach der aufwühlenden Sendung über Hans Dichand am Mittwoch verständlich ist, die schon wegen der auffallenden biografischen Lücke zwischen Maat und Kapitän sicherheitshalber von einem "Krone"-Kolumnisten gestaltet wurde. Wann kriegt endlich Gerhard Weis eine Kolumne bei Dichand?

So gut wie Nenning könnte er es natürlich nie. Der hat die Masche entdeckt, wie sich mit Abkanzelung der Gegenwart abzocken lässt. Das ist die moderne Dummheit, matschkerte er Mittwoch: Wir sind auch noch stolz darauf, dass wir für das Lebenswichtige so wenig Geld ausgeben und für das Lebensunwichtige den ganzen Rest, nörgelte er an den "Krone"-lesenden Rentnern herum, die nicht bereit sind, den ganzen Rest ihrer üppigen Einkünfte für Biolungenbraten vom Feinsten auszugeben, ganz in moderner Dummheit befangen. Nicht den Konsumenten, nein, den Schweinen müssen wir viel abbitten. Sie gehören zu den intelligentesten und liebenswürdigsten Tieren - wenn man sie lässt, wie Gott sie geschaffen hat. Aber heute pfuschen ja schon Auhirsche Gott in die Schöpfung und werden Kolumnisten.

Einen Tag später hatte sich die Welt weiter verschlechtert. Nach den Schweinen musste er diesmal das Volk vor den bösen, bösen Anti-Heimat-Riechern retten. Unterdessen ist "Identität" nur noch eine Worthülse. Aller Inhalt ist ausgeschwemmt in Fluten von Blabla. Heute sagt "Identität", wer sich nicht traut, "Volk", "Nation", "Heimat" zu sagen. Jörg Haider kann froh sein, nicht von der Missgeburt der österreichischen Identität gesprochen zu haben. Denn das wäre ein Endsieg des Nazismus, wenn wir uns von ihm die Worte und Inhalte stehlen lassen, die wir brauchen für die Gesundheit von Geist und Seele.

Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Wir müssen vorwärts zurück zu unseren Wurzeln. . . Mit den Narrheiten dieses Zeitalters ist kein gutes Leben zu begründen, kein eigenes, kein österreichisches usw. "Hinab zu den Müttern", rät Goethe. Der war zwar Ausländer, was aber auch wurscht ist, denn der Heimat-Riecher von der Leserbrief-Seite der "Krone" weiß ohnehin nicht mehr, will Nenning nun vorwärts zurück zu unseren Wurzeln, oder hinab zu den Müttern, und wieso überhaupt Mütter, wo es dann doch heißt: Eine wichtige Mutter ist der Hofrat Joseph Freiherr von Hormayr. Vielleicht aber auch eine Wurzel.

Wer seine Inhalte, ausgeschwemmt in Fluten von Blabla, in einer Kolumne darzulegen die Chance hat, kann leicht schwören, runde Tische zu meiden, an denen er auch nichts anderes von sich gegeben hätte, wie: Geschichte ist immer ein Insgesamt, das alles Gute und Böse eines Landes umfasst. Und damit klar ist, wie Geschichte auf der Höhe der "Krone"-Ideologie zu schreiben sei: Die Anti-Österreich-Bücher stapeln sich, wo sind die Pro-Österreich-Bücher? Nix sine ira et studio für die Wahrheit - mit Voik und Hoamat für die Gesundheit von Geist und Seele!

"Is scho genug Nenning?", frug ob derlei kolumnistischer Zeilenschinderei die überaus verdienstvolle erste österreichische Boulevardzeitung "Augustin" in ihrer letzten Nummer und machte sich daran, dieses Problem ein für alle Mal im Wege eines Interviews zu lösen. Leicht war es nicht, aber es gelang. Der Versuch, die politische Einstellung eines ex-altlinken "Krone"-Schreibers zu ergründen, ergab folgenden Befund: Der linke Blick geht nach vorwärts in die Zukunft. Wenn man sich das Gnack verdreht und nach hinten schaut, is des gefährlich. Vor allem, wenn man nur nach hinten schaut. Also. Ich sehe im Linken - sag ma gleich - im Sozialistischen ein positives Pro und nicht hauptsächlich ein Anti. Das ist das, was mir an den gegenwärtigen Altlinken nicht passt: das Anti-Anti-Anti.

Links ist positiv pro, altlinks ist negativ pfui - man braucht nur noch die Welt in links und altlinks einzuteilen, und schon kommt man überall durch: Die "Krone" ist gut österreichisch. Gut grün und goar net so anti-sozial. Sondern durchaus sozial. Also nicht brutal und globalkapitalistisch. Sondern - wenns das gibt - für den sozialen Kapitalismus. Wenn nicht - Pech gehabt.

Allerdings: Mia is des net gnua. Dieses Ungenügen des Kleinformats kann aber Nennings Verhältnis zu Dichand nicht trüben. Wenn ana a Zeitung herausgibt, muss er jo an Einfluß darauf haben. Aber es ist verblüffend geringfügig. Das hat freilich damit zu tun, dass i jo net bled bin. I waß schon, wo i was schreiben kann. Fia die "Krone" oder die "Presse". I schreib für jede Zeitung anders.

Als sich daraufhin der Interviewer an die Positionierung der "Krone" im politischen Farbenspektrum heranzutasten versuchte und bei der anderen ERD-Farbe anlangte, meinte Nenning nur: Das BRAUNE. Das is a furchtbarer Bledsinn. Da is doch nicht ein Ton diesbezüglich. Unwiderleglicher Beweis: Sonst wär i net dort. Günter Traxler