Kaum eine politische Bewegung kommt ohne Bösewichte aus. Engelbert Dollfuß, Ulrike Meinhof, Erich Honecker. Weniger auf Personen fixiert und aktueller: Gewerkschaftsfunktionäre, Hochschullehrerinnen, Sozialfälle. So war das schon bei den alten Römern. Hier eine Episode; sie gipfelt in einer großartigen Demonstration zivilgesellschaftlicher Rhetorik. Cremutius Cordus schrieb unter Kaiser Tiberius (14-37 n. Chr.) eine Geschichte Roms, das seit zwei Generationen Kaiserreich war. Böse sind in diesem Kontext natürlich die republikanischen Mörder Julius Cäsars, Brutus und Cassius. Auf sie bezog sich, wie Tacitus in seinen Annalen berichtet (Buch 4, 34-35), die Tabuverletzung des Cremutius. Er lobte Brutus und nannte Cassius den letzten aufrechten Römer. Die Folge war ein Gerichtsverfahren wegen Majestätsbeleidigung. Wer den offiziellen Konsens über die Regierungsform infrage stellt, attackiert unweigerlich ihren höchsten Repräsentanten. Tacitus erzählt, wie Cremutius Cordus sich zu verteidigen suchte. Er brachte vor, dass es in einer offenen Gesellschaft möglich bleiben muss, Partei für politisch verfemte Personen zu ergreifen. Er wies darauf hin, dass souveräne Macht-haber Gegenmeinungen zu widerlegen suchen oder einfach ignorieren. Es hat ihm nicht geholfen. Der düsteren Miene des Kaisers entnahm er seine sichere Verurteilung und wählte den freiwilligen Hungertod. Der Satz, mit dem Tacitus fortfährt, wirkt unauffällig, aber er hat es in sich. Interpretationen Übersetzungen sind selbst schon Interpretationen. Tacitus sagt, wenn man seine Worte so übersetzt, wie Glenn Gould Beethoven spielt: "Der Senat beschloss die Verbrennung der Bücher, und sie blieben erhalten, versteckt und publiziert." Eine Standardübertragung liest sich so: "Seine Bücher durch die Ädilen verbrennen zu lassen beschloss der Senat; und doch sind sie erhalten geblieben, man versteckte sie und gab sie wieder heraus." Am Unterschied dieser Versionen lassen sich zwei Beobachtungen festmachen. Die eine betrifft die Rolle der Sprache im politischen Disput, die andere, epochenübergreifend, den Umgang mit gerade aktuellen Bösewichten. Von einer Erzählerin wird erwartet, dass sie den Verlauf der Geschichte vorsagt und erklärt. Dafür sorgen Vokabeln wie "und doch", "wieder", "man" und andere sinnstiftende Bindeworte. Jeder Nachrichtensprecher beherrscht die Kunst der Aufbereitung trockener Daten zum täglichen Gebrauch. Füllworte sind die Faserschmeichler unseres Begriffskostüms. Scheinbar neutral Tacitus ist Homöopath. Er setzt darauf, dass zur Bekämpfung einer politischen Position ein Minimum von Aggression die beste Lösung ist. Sein "und sie blieben erhalten" kommt auf den ersten Blick neutral daher. Er stellt bloß fest, dass es so gewesen ist. Na und? Leicht geht man zum nächsten Punkt weiter. Es sei denn, die Aufmerksamkeit fängt sich in der verborgenen Fußangel. Der Ablauf der Geschichte gibt den Zustand 1, gefolgt vom Zustand 2; beide widersprechen einander. So eröffnet sich das Feld der Deutung, welches die marktübliche Wiedergabe mit "und doch sind sie erhalten geblieben" besetzt. Tacitus sagt weniger und mehr. Er drückt die Legitimationsfrage auf die Aneinanderreihung von Ereignissen herunter und gibt dadurch den Blick auf alternative Erklärungen frei. Das wäre unvorstellbar aufregendes Fernsehen, in dem die Polizei den Geiselnehmer nicht erschießt, weil er Gangster ist und ein Tunnelbrand nicht sofort nach der Bekanntgabe von Schuldigen verlangt. Ohne Zweifel bestehen viele derartige Sachzusammenhänge. Aber sie sind zu schnell plausibel. An dieser Stelle spricht viel für eine homöopathische Kultur der politischen Polemik. Sie arbeitet nicht mit Retourkutschen, sondern mit Zusammenhängen, deren Deutung sie in Schwebe hält. Der Bischof legte seinem Generalvikar in der Nacht einen Brief vor die Türe und enthob ihn des Amtes. Der Kanzler lud sich namhafte Philosophen ein und sprach mit ihnen über die Defizite der Moderne. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 2. 2001)