Ob ein Fototermin mit Palästinenserchef Yassir Arafat ausgerechnet am Tag vor der Wahl Ehud Barak geholfen hätte, darüber konnte man streiten. Doch zwei tödliche Anschläge auf Israelis im Westjordanland haben dem Premier die Entscheidung abgenommen. Alle Kontakte zur Vorbereitung eines von der EU und der UNO angestrebten Gipfeltreffens seien abgebrochen, teilte der Regierungschef mit. Shmuel Gillis, ein Arzt des Jerusalem Hospital, war auf seiner Fahrt nach Hause in eine jüdische Siedlung bei Hebron in seinem Auto erschossen worden. Am Freitag brachten bewaffnete Palästinenser einen zweiten Israeli um, der in die von der Autonomiebehörde kontrollierten Stadt Jenin, im Norden des Westjordanlands, gefahren war. Bei einem dritten Zwischenfall erschossen israelische Soldaten am Checkpoint Karni zum Gazastreifen einen jungen Palästinenser. Der Wahlkampf hat erst begonnen Nach Baraks Ansicht hat indes erst am gestrigen Freitag "der richtige Wahlkampf" begonnen - bis 96 Stunden vor dem Wahltag am 6. Februar wäre es laut Gesetz nämlich noch möglich gewesen, einen Kandidaten auszutauschen. Seit Wochen war Barak deshalb ein Schattenrivale aus dem eigenen Lager im Nacken gesessen, der 77-jährige Shimon Peres. In den letzten vier Tagen, so hofft Barak nun, werden aber alle bisher Schwankenden zu ihm zurückströmen. Jetzt nämlich verstehe man, "dass es nur einen Kandidaten in unserer Bewegung gibt, und mit ihm werden wir gewinnen". Die Ausgangsposition ist freilich denkbar ungünstig. Meinungsforscher sagen Baraks Herausforderer Ariel Sharon einen Erdrutschsieg voraus. 17 bis 20 Prozentpunkte liegt Sharon vor dem Premier. Beide Lager gingen am Freitag in den Endspurt, Aktivisten schwärmten aus, um an den Straßenkreuzungen Spruchbänder aufzuspannen und Flugzettel zu verteilen." Bei den letzten Wahlen gab es mehr Leute, mehr Freude, mehr Arbeitseifer", gibt Jariv Oppenheimer, der Koordinator der Arbeiterjugend, gegenüber dem STANDARD zu, "aber ich glaube, wir können noch gewinnen, das Volk ist noch immer dasselbe Volk". Barak war die ganze Woche über von Versammlung zu Versammlung gehastet, um den Unterschied zwischen ihm und Sharon hervorzustreichen. Die Klientel kennt die Ware freilich genau, bei Parolen wie "Ehud Barak für die Zukunft unserer Kinder" und "Nur Sharon führt zum Frieden" hört kaum ein Israeli noch hin. "Beide sind am Sand", meint grimmig ein Kiosk-Besitzer in Tel Aviv. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 2. 2001)