150? 250? Oder mehr? Wie oft er dank Schwarz-Blau quer durch Wien marschiert ist, weiß Kurt Wendt wirklich nicht. Erstens hat er Wichtigeres zu tun, als Demos zu zählen - Demos organisieren zum Beispiel, etwa die am Samstag. Zweitens fand "Widerstand" in Form von Wandertagen anfangs täglich statt. 53 der mittlerweile zur Routine gewordenen Donnerstagsdemos zogen hinter dem beleibten, bärtigen 36-Jährigen her. Für die Jubiläumsdemo am Samstag spricht Wendt noch durchs Megafon und zu Journalisten - dann legt die Demo-Galionsfigur ihren Job als Sprecher des "Aktionskomitees gegen Schwarz-Blau" zurück. Und kandidiert für die KPÖ bei der Wiener Wahl. Dort, beim Kommunistischen Studentenverband (KSV), hat Wendt schon Mitte der 80er-Jahre in vielen Debattierzirkeln das Mundwerk politischer Agitation gelernt, angewendet und es als "roter Kurtl" zum KSV-Vorsitzenden gebracht. Zum Studieren ist der "Bauchlinke" ob all des Politisierens nicht wirklich gekommen - von Anfang an nicht: Im Oktober kam er aus dem Mühlviertel nach Wien an die Uni, im November saß er in Hainburg. Dann der Studentenstreik 1987, dann der Golfkrieg, den Wendt als Sprecher der Panzerblockade in Innsbruck erlebte - da blieb für Vorlesungen wenig Zeit. Mitte der 90er-Jahre war Wendt vom ewigen Studenten zum ehemaligen Studenten geworden und mit der Politik fertig. Zu den Demos (doch, die gab es damals auch, für "internationale Solidarität" und so) kamen immer dieselben fünfzig Leute, die Arbeit für die ÖH wurde auch fad - kurz: Wendt wurde Wirt und gründete das Café Dogma. Mit der schwarz-blauen Regierung erlebte Wendt seinen "zweiten Frühling", wie er es nennt. Binnen zwei Tagen mutierte er vom Quasi-Polit-Pensionisten zur Leitfigur: "Auf die erste Demo bin ich nur aus Wut gegangen, weil sich in Österreich nie etwas tut. Am nächsten Tag bin ich schon mit Öko-Aktivisten auf dem Dach der ÖVP-Zentrale gesessen." Und seither war KurtO, wie er sich nennt, aus dem Demo-Geschehen nicht wegzudenken. Nicht nur zur Freude aller: Zu viel selbstherrliche Medienpräsenz stieß denen auf, die noch an Basisdemokratie glauben, zu viel dogmatisch-linkes Kadergehabe störte die, die zwar gegen die Regierung - aber keine Kommunisten sein wollten. Ob es an der Kritik am Oberdemonstranten liegt, ob das "Wir gehen, bis die Regierung geht" vielen zu weit wurde - jedenfalls hat sich die Zahl der Donnerstagsdemonstranten auf ein paar Hundert reduziert. Die Demo-Szene zweifelte Wendts Vorherrschaft manchmal an, die Polizei nicht: Sie deckte Wendt mit Anzeigen wegen unangemeldeter Demos ein. Ab nächster Woche muss sie ihre Anzeigen an jemand anderen adressieren. Ab da demonstriert Wendt ausschließlich privat. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 2. 2001)