"Wenn es die Burschen nicht packen, müssen die Mädchen ran", kommentierte ein britischer Top-Banker den jüngsten Karrieresprung von Clara Furse. Mit der 43-Jährigen sitzt von heute an erstmals eine Frau auf dem Chefsessel der Londoner Börse (LSE). Der Platz ist frei geworden, als der bisherige Boss Gavin Casey nach einem misslungenen Fusionsversuch mit der Deutschen Börse im Herbst seinen Abschied nehmen musste. Furse setzte sich dann spielend gegen alle Mitbewerber durch und brach damit die männliche Vorherrschaft über die 228 Jahre alte Institution. "Es ist der aufregendste Job in der City", bemerkte Furse selbst zu ihrer Ernennung, und sie sollte es wissen, arbeitet sie doch seit zwei Jahrzehnten im Finanzbezirk der britischen Hauptstadt. Gleich nach dem Abschluss ihres Wirtschaftsstudiums an der London School of Economics stieg sie als Broker bei Philips and Drew ein und arbeitete sich innerhalb von wenigen Jahren bis in die Direktionsetage des Unternehmens hinauf. Andere Stationen auf ihrem beruflichen Weg waren ein Aufsichtsratsjob an der Terminbörse LIFFE und Credit Lyonnais Rouse, wo es Furse zur Leiterin des Derivatehandels und Vorsitzenden brachte. Furse sei so hart wie charmant, sagen Exkollegen von Credit Lyonnais, die nicht wenig über die - je nach Sichtweise - Professionalität oder Emotionslosigkeit staunten, mit der die Frau Jobkürzungen durchzog, als diese unumgänglich wurden. Sie sei einfach stark, heißt es, und eloquent. Ausdrücken kann sich die Tochter holländischer Eltern dabei nicht nur auf Englisch und Niederländisch. In Kanada geboren, verbrachte sie ihre Kindheit in Kolumbien und Dänemark, bevor der in einem multinationalen Konzern tätige Vater schließlich in England eine feste Bleibe für die Familie errichtete. In den Jahren der Wanderschaft lernte Furse Spanisch, Deutsch und Französisch. Wie keiner ihrer Vorgänger sei sie somit dafür geschaffen, frischen Wind und ein wenig Internationalität in die von einer "Kleinen-Engländer-Mentalität" beherrschte Londoner Börse zu bringen, sagen viele Banker, wie immer das bei ihren neuen Mitarbeitern auch ankommen mag. Dass sie die neuen Technologien beherrscht, ist ein zusätzliches Plus für die traditionsreiche Börse, die einen Modernisierungsschub dringend nötig hat. Entlohnt wird Furse für ihre neue Aufgabe mit umgerechnet rund 13 Millionen Schilling brutto im Jahr, dazu kommen noch Aktien- und andere Beteiligungen. Ihr gesamtes Leben wird sie freilich auch in Hinkunft nicht in den Dienst der Finanzwelt stellen, zu wichtig sind ihr ihre Ehe mit einem Unternehmer und ihre drei Kinder. 14 und zwölf sind die älteren, gerade eineinhalb Jahre das jüngste - ihr, wie sie sagt, "Bonus-Baby". (Brigitte Voykowitsch, Der Standard, Printausgabe, 05.02.2001)