Manchmal kann sie ja ein bisserl nerven. Wenn sie gar nicht davon lassen kann, anzupreisen und zu erzählen. „Ganz frische Ware“, lobt sie dann und zeigt auf den Korb mit den Semmeln, „und dass die Krapfen und Kuchen ein Gedicht sind, brauch´ ich ja nicht extra sagen.“ Stimmt. Schließlich ist man Stammkunde. Die O. ist meine Greißlerin. Für gewisse Tage zwar nur, aber immerhin. Aber dazu später. Die O . ist eine, die und bei der es genau so aussieht und riecht, wie das im Volksschullesebuch immer so schön idealisiert dargestellt war – und die es im echten Leben im Favoritner Gemeindebau nie gegeben hat. Weil da nur der Konsum war. Der ist dann irgendwann ein Billa, dann ein Meinl und zuletzt ein Spar geworden. Das nur nebenbei. (Es gab auch einen Greißler in der Siedlung. Aber zu dem ist „man“ nicht gegangen. „Zu teuer und die Ware ist nicht so gut wie beim Konsum“, hat der Parteikassier den Erwachsenen und die den Kindern gesagt. Damals, in Favoriten.) Egal. Eine wie die O. habe ich halt nie gehabt. Eine, die im weißen Kittel von früh bis spät in ihrem kleinen Laden steht und tatsächlich weiß, was sie verkauft. Und die auch weiß, wem sie es verkauft. Weil bei der O. manche Dinge für manche Leute ausverkauft sein können, und wie durch ein Wunder beim Auftauchen von Stammkunden dann plötzlich doch im Regal sind. Oder im Kühlschrank. Die Kühlkammer Der Kühlschrank. Der ist der Hit im Laden der O. Die O. hat nämlich noch eine dieser alten Kühlkammern hinter der Budel. Groß und begehbar. In die vor der Elektrifizierung der Eismann das Eis aus der Eisfabrik gebracht hat. Eine, zu der mehrere große, weiße Türen mit alten, schweren Eiskastenarmaturen führen. Und aus der sogar eine Milchpipeline ins Geschäft führt. Leider, bedauert die O. während sie die H-Milch-Packerln umschlichtet, die sie heute rund um den immer noch makellos geputzten Milchhahn aufgestapelt hat, leider liefert heute keiner mehr Milch zum kanderlweise verkaufen. „Dabei bräuchten die die Kühlkette gar nicht unterbrechen. Im Gegensatz zu den meisten Supermärkten wird bei mir ja alles direkt ins Kühllager geliefert.“ Dann macht die O. die Tür auf, die in den Eiskasten führt. Nur einen Spalt zwar, aber doch genug, dass man sieht, wie groß das Lager ist – und dass es eine Tür zur Straße gibt. Seit 1961 („wie noch keiner das Wort Kühlkette gekannt hat“) ist sie jetzt hier, erzählt die O. jedem, der auch nur andeutet, sich für ihre Geschichten zu interessieren. Und wenn ganz vorne einer steht, der so wirkt, müssen die weiter hinten halt ein bisserl Geduld haben. Wie das beim Greißler halt so ist. Noch dazu bei einem für gewisse Stunden Nischenöffnungszeiten Weil: „Woanders“ existiert nicht. Es gibt keine Semmeln. Auch keine Milch. Und schon gar keinen Käse, keine Butter und kein Obst oder Gemüse. Nicht an den Tagen, an denen es bei der O. hoch hergeht. Die O. macht ihr Geschäft nämlich am Sonntag. Nicht nur, aber vor allem. Während der Woche, wenn sie von fünf Uhr früh bis acht Uhr am Abend offen hält, habe sie zwar auch ihre Kunden, „aber mit den Supermärkten kann ich nicht mithalten“. Dafür punktet sie eben am Sonntag. Und am Feiertag. Auch wenn sie da „nur“ von sechs am Morgen bis „siebene auf´d Nacht“ hinter der Budel steht. Selbst und selbstverständlich. „Und wissen´s was: Die Leut´, die am Sonntag kommen, die kommen dann auch unter der Woche. Weil die Ware und das Service stimmen. So macht man das nämlich.“ Für die Kammern, die Parteien, für das Ministerium oder „für alle anderen ganz G´scheiten, die da über die Öffnungszeiten diskutieren“, hat die O. wenig übrig. „Solln´s reden. Ich steh gern´ da und die Kunden mögen es.“ Angst vor Kontrollen oder gar Strafen hat sie nicht. „Wer zu mir kommt, will frisches Brot. Grad´ die, die dann groß reden.“ Eine Bitte hätte sie aber: „Man braucht ja nicht an die große Glocke hängen, wo ich bin – außerdem machen das doch eh immer mehr kleine G´schäfte so.“