Wien - Nein, formale Fragestellungen interessieren ihn weniger. Der 23-jährige Xaver Bayer schreibt, genauer: Er lebt "als freier Schriftsteller", seit er vor wenigen Wochen das Germanistik- und Philosophiestudium abschloss. Ein erster Roman erscheint im Herbst bei Jung & Jung. Derzeit bewohnt er eine Wohnung für Gastautoren in Amsterdam. Dort liegt er nachmittags auf der Couch, liest oder hört Musik und sieht dem Schnee zu, der vom Himmel fällt. Das und andere Details aus dem Alltag eines Schriftstellers - etwa, was er für Amsterdam in den Koffer packte, welche CDs, welche Bücher -, ganz wie's die jüngste Listen-Wut diktiert, steht nachzulesen in der Flut . Genauer, unter www.dieflut.at . Neben Grond/Zeyringer/ Krusches ambitioniertem "house"-Projekt, einer Form von virtuellem Debattiersalon, ist die von Xaver Bayer gegründete Flut das zweite österreichische Literaturforum im Netz. Als erklärtes Vorbild für die Gründung der Flut im vergangenen Oktober nennt Bayer das deutsche Internetunternehmen Am Pool der Autoren Sven Lager und Elke Naters. Wie der Pool gliedert sich die Flut in zwei Bereiche: einen exklusiven, lediglich den eingeladenen Autoren vorbehaltenen, Publikationsraum, sowie eine öffentlich zugängliche schriftstellerische Plattform. Bei der Auswahl der Schreibenden regierte das Zufallsprinzip. Bayer durchkämmte die Literaturzeitschriften nach Beiträgen junger und jüngster Autoren. Heute publizieren in der Flut neben Bayer Thomas Ballhausen, Barbara Hundegger, Klaus Händel, Robert Kleindienst, Martin Kubaczek, Peter Landerl, Denis Mikan, Hanno Millesi, Kathrin Resetarits, Elisabeth Rötsch, Otto Tremetzberger, Martin G. Wanko, sowie, als Gastautor, Benedikt Ledebur. Insgesamt bietet sich dem Suchenden ein eher trostloser Blick in die literarische Zukunft Österreichs: Viele einsame Ichs tummeln sich im Reich des Banalen. Da schildert Martin G. Wanko männlich-raue Kaffeehaus-Impressionen - "Die Musik ist zu laut, die Idee mit dem Handy zu telephonieren kann er sich in den Arsch schieben, worauf er einmal anständig scheißen geht." - oder Väterliches über eine Tochter namens C.: "jedes mal wenn ich mich auf tochter c. einlasse, bin ich von ihrer reinheit, ihrer herzlichkeit, und ihrer lebensfreude überrascht - fast schon irritiert." Grübelnde Ichs Elisabeth Rötsch hingegen grübelt über die gewöhnliche Stadt-Taube: "Diese Tauben in der Schottentorpassage . . . bei der Uni . . . und an vielen anderen Orten . . . die harmlos an Bröseln picken, aber dann und wann mit atemberaubender Geschwindigkeit haarscharf an Gesichtern und Köpfen vorbeifliegen . . . sind die harmlos?" Wesentliche Fragen, bis heute ungelöst. Mit Ausnahme der Beiträge zweier tatsächlich entdeckenswerter Autoren - der kurzen, surrealen Plots der Filmemacherin Kathrin Resetarits und Hanno Millesis monatelangem obsessivem Kreisen um beobachtete Formen öffentlicher Sexualität - ist die Flut, mit der Xaver Bayer Österreich überschwemmen wollte, bis dato ein recht mickrig tröpfelndes Rinnsal begradigter Fantasie. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 2. 2001)