Wien - Bunte Pillen, die Gesundheit als mehr oder minder seriöse Nahrungsergänzung verheißen. "Horrormeldungen" aus der Nahrungsmittelproduktion. - Dabei wird oft ein Umstand vergessen: 35 bis 40 Prozent der Krebserkrankungen sind durch unsere schlichtweg "falsche" und nicht zuvorderst "giftige" Ernährung bedingt. "Was wir essen, ist nicht so schädlich - wir essen bloß nicht genügend gesund", erklärte jetzt der Leiter der Arbeitsgruppe für Umwelttoxikologie am Institut für Krebsforschung in Wien, Univ.-Prof. Dr. Siegfried Knasmüller. Schützendes Enzam Die Fachleute am Institut für Tumorbiologie konnten in den vergangenen Jahren einige in Fachkreisen Aufsehen erregende Entdeckungen in diesem Zusammenhang machen. Knasmüller: "Wir bereiten beispielsweise eine Publikation über den Kohl vor. Kohl und Karfiol aktivieren ein gegen Krebs schützendes Enzym, die Glutathion-S-Transferase." Das schützende Enzym fördert einerseits die Inaktivierung schädlicher Substanzen, die gutartige Zellen in die Bösartigkeit abgleiten lassen. Andererseits unterstützt es die Ausscheidung der schädlichen Substanzen. Glukosinolate, Isothiocyanate und Allylsulfide (Lauchgemüse) sind haben offenbar ebenfalls einen vor Krebs schützenden Effekt. Entscheidend aber kann die Zubereitung sein. Der Umwelttoxikologe: "Beim Karfiol hängt es davon ab, wie viel Wasser man zur Zubereitung verwendet. Dämpfen wäre das Beste. Kocht mensch ihn jedoch mit viel Wasser und schüttet das auch noch weg, sind die protektiven Stoffe ebenfalls fort." Kaffee, Spja, Grüner Tee Auf ähnlichem Weg aktiviert Kaffee - allerdings am ehesten türkischer Kaffee (kein Filterkaffee) - die Glutathion-S-Transferase. Auch Sojabohnen, Getreide jeglicher Art (Phytoöstrogene, Ballaststoffe, lang anhaltende Sättigung), Obst und Gemüse mit hohem Vitamingehalt (Kiwi, Papaya, Paprika), Lauch- und Kohlgemüse und Grüner Tee haben einen positiven Effekt. Risikofaktor Übergewicht Selbstverständlich sollte der Fleischkonsum unter Kontrolle gehalten werden. Knasmüller weiter: "Ein eindeutiger Krebs-Risikofaktor ist auch das Übergewicht." Man nimmt an, dass beispielsweise bei Frauen mit zu vielen Kilos das Fettgewebe durch seine zusätzliche Produktion von Östrogenen die Entstehung von Brustkrebs fördert. Umgekehrt gibt es Hinweise darauf, dass echte "Schmalkost" bösartig entartete Zellen in den Selbstmord treiben kann. Anders wiederum erklärt sich die Wissenschaft den beispielsweise vor Brustkrebs schützenden Effekt von aus Soja und anderen Pflanzen stammenden Phytoöstrogenen. Erziehung zum Essen notwendig Der Wiener Wissenschafter: "Diese Phytoöstrogene besetzen die Östrogenrezeptoren. Diese Östrogene aus Pflanzen haben aber nur eine geringe hormonelle Wirkung." An die okkupierten Rezeptoren kommen aber die stärker wirksamen körpereigenen weiblichen Geschlechtshormone nicht heran. Das verhindert die vermehrte Zellteilung und die Entstehung von Mammakarzinomen. Das größte Problem aller dieser Forschungen ist aber der Zeithorizont. Knasmüller: "Die Leute essen sich 30 bis 40 Jahre in eine Krankheit hinein." Bildung und Erziehung sei notwendig, um die Ernährung zu einem Schutzfaktor gegen Krebs zu machen. Synthetische Zusatzstoffe oder Rückstände von Pestiziden spielen hingegen rund um Krebs und Ernährung im Vergleich zu den übrigen schädlichen Aspekten de facto keine Rolle. (APA)