Wien - Was sieht man auf der Leinwand, wenn man, von narrativen Wegweisern befreit, auf Bilder und Töne trifft? Auf eine Ordnung der Dinge, die sich nicht einer Erzählung, sondern etwa einem metrischen Prinzip verdankt? Im Österreichischen Filmmuseum in Wien steht von Mittwoch bis Samstag eine Retrospektive Marc Adrian auf dem Programm: chronologisch gereiht vom legendären BLACK MOVIE (1957) - gewissermaßen ein frühes Expanded-Cinema-Experiment - bis zu TAOS (1999) kann man sich dabei auch ein Bild machen von der Entwicklung eines Werks. Der österreichische Avantgardefilmemacher der ersten Stunde, Jahrgang 1930, hatte ursprünglich Bildhauerei studiert und begann Mitte der 50er-Jahre in einem Künstler- umfeld, zu dem unter anderem Konrad Bayer, Gerhard Rühm oder H. C. Artmann gehörten, sich auch mit dem Laufbild zu beschäftigen. Das weit gefächerte Spektrum des inzwischen rund vierzig Filme umfassenden Werks reicht von flächigen, "malerischen" Arbeiten ( BLUE MOVIE , 1969) über aktionistische Filme ( TOTAL, 1964-68) bis zu Found Footage ( FOUR SHORT PIECES , 1997). Schrift-Bilder Adrians Filme, die anfangs in enger Zusammenarbeit etwa mit Kurt Kren entstanden, organisieren ihr Material, die (abstrakten oder gegenständlichen) Bilder und Töne (oder Sprachbilder) nach ausgeklügelten Rhythmen und Strukturen. Zum Beispiel in den exemplarischen "Schriftfilmen" - WO DA - VOR BEI, TEXT I-III und SCHRIFTFILM , die Adrian Ende der 50er-, bis Mitte der 60er-Jahre herstellte. Wichtig ist dabei zum einen das (Zufalls-)Prinzip, nach dem die Worte zueinandergefügt werden, zum anderen setzen die Filme auf die Dynamik der filmischen Bewegung, die dem Zuseher - anders als beispielsweise dem Leser - nicht nur die Abfolge, sondern auch die "Verweildauer" vorgibt und so dem Duktus einer vordergründigen Sinnsuche entgegenarbeitet. Der Gegenstand erhält Eigenleben. Es arbeitet auf der Leinwand. Und das Publikum wird eingebunden in einen Denkprozess, der die vielfältigen, andernorts brachliegenden Vermögen der Kinematographie auslotet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 2. 2001)