Wien - Seit mehr als 50 Jahren widmet sich der Verein "Jugend am Werk" der Begleitung von geistig Behinderten. Dass sich in den Betreuungseinrichtungen lange Zeit kaum ältere Menschen fanden, geht auf ein dunkles Kapitel der Geschichte zurück - die planmäßige Tötung in der Zeit des Nationalsozialismus. Basierend auf den Ergebnissen einer Befragung von Senioren mit geistiger Behinderung versucht Jugend am Werk (JaW) nun, neue Formen der Betreuung zu finden, erklärte JaW-Vorsitzende Erika Stubenvoll. "Bisher gab es durch die Ermordung in der NS-Zeit praktisch keine geistig behinderten älteren Menschen. Ihre Zahl steigt und wird noch deutlich zunehmen", schilderte Stubenvoll die derzeitige Situation. Erstmals im deutschen Sprachraum wurden nun 40 Behinderte mit einem Durchschnittsalter von 58 Jahren selbst befragt, wie sie sich ihren Lebensabend wünschen. Aktivität gewünscht

Dabei kam es zu überraschenden Ergebnissen: "Alle Experten haben gesagt, die Pensionisten brauchen mehr Ruhe. Aber die Betroffenen haben gesagt: Nein, wir brauchen Aktivität", schilderte JaW-Geschäftsführer Walter Schaffraneck die auseinander gehenden Erwartungen.

Außerdem wünschen sie sich Sicherheit und Beständigkeit im Wohnbereich, eine sinnvolle Tätigkeit und zeigen Bedürfnis nach sozialen Kontakten und nach Unterstützung bei Trauerarbeit, erläuterte Projektleiter Ludwig Grillich. Im Alter geben Behinderte der Bewegung den Vorzug, sie wollen Handarbeiten, Basteln, Freunde besuchen und zeigen auch Interesse an sportlichen Aktivitäten, so Grillich.

Der Verein "Jugend am Werk", der derzeit in Wien 17 Werkstätten für Behinderte betreibt, will nun zwei Projekte realisieren, die die Bedürfnisse von behinderten Senioren stärker berücksichtigen: In Wien-Leopoldstadt soll eine Einrichtung auch die Möglichkeit zu Spaziergängen, Keramikarbeiten und anderen Freizeitbeschäftigungen eröffnen. Ein weiteres Projekt stellt eine "Gleitpension für Senioren" dar: Die Teilnehmer kommen drei Tage pro Woche in die Werkstätte, an den restlichen beiden Arbeitstagen werden Ausflüge unternommen, Ausstellungen besucht und Sozialkontakte gepflegt. Im Herbst soll außerdem in Brigittenau eine Wohngemeinschaft für behinderte Senioren ihre Pforten öffnen.

Derzeit betreut "Jugend am Werk" in Wien 171 Menschen über 50 Jahre. Ausgehend von Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO dürften in Wien insgesamt rund 400 Menschen betroffen sein, sagte Schaffraneck. JaW nimmt sich im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft auch geistig behinderten Kleinkinder an, die durch Experten auf eine Integration in Kindergarten und Schule vorbereitet werden. (APA)