Wien - An Österreich leiden heißt schöpferischer leiden. Ganze Künstlergenerationen beherzigten dieses nationale Credo und zapften an den heimischen Zuständen ihre Energien ab. Die künstlerische Erregungsmaschinerie funktionierte dabei mit dem Gleichstrom der letzten Jahrzehnte tadellos. Der Wechselstrom dieser Tage scheint allerdings noch produktiver zu sein. Hin und wieder muss man sich aber auf einen Stromschlag gefasst machen. Die Folge: künstlerischer Stillstand. Erwin Riess, ein Wiener Autor, für den die Energiequelle eines düsteren Österreich offenbar schaffensnotwendig ist, zeigt derzeit im Schauspielhaus Schaufenster seinen Monolog Mein Österreich . Unter Strom steht dabei allerdings nur einer: der Schauspieler Reiner Frieb als Rollstuhlfahrer Groll, der sich für ein äußerst knappes Theaterstündchen über Land und Meute erregt: Es ist ein unschönes Land! Er steht am Fuß einer Prunktreppe, die in der Wiener Porzellangasse in den kahlen Theaterraum mündet, grantelt und greint und beschwört wohl ein nicht wirklich anderes Österreich als der Oppositionsführer, der im zweiten Stock eine "Rede an Österreich" hält. Da es keinen Aufzug gibt, muss Groll unten bleiben. Die Phrasen, die oben politischer Natur sind, sind zwei Stockwerke tiefer polemischer Natur. Thema ist zum einen alles, was das widerständige Österreich seit einem Jahr, aber eigentlich noch viel länger, bewegt. "Ich habe IHN nicht gewählt", und schon schwappen die Tiefen der Gegenwartspolitik ins Theater. Zusätzliche Klagepunkte: die Schwierigkeiten behinderter Menschen, Abtreibung, Euthanasie. Allerdings verpackt Riess all das so kunstlos, dass die Erregung platte Polemik bleibt. In manchen Momenten fühlt man sich höchstens peinlich berührt. Groll ist nämlich meilenweit von einer Kunstfigur eines Thomas Bernhard entfernt. Was bei diesem ein mehrfach gebrochener Übertreibungsdiskurs ist, bleibt in der Regie von Susanne Wolf ein moralinsaures Gutmenschenporträt - das der Verfasser zudem sehr ernst nimmt. Irgendwann gegen Ende wird Groll lamentieren: "Stufen, Stufen, nichts als Stufen." An diesem Abend stolpert auch der Zuschauer über viele. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 2. 2001)