Mit Landwirtschaft hatte die neue deutsche Agrar- und Verbraucherschutzministerin Renate Künast, die in der Hauptstadt Berlin für die Grünen im Senat saß, bis vor kurzem überhaupt nichts zu tun. Aber rasch habe die als BSE-Managerin geholte Juristin erkannt: "Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe." Und sie selbst hatte sich große Mühe gegeben, sich rasch in die für sie bis dahin unbekannte Materie einzuarbeiten - was ihr auch bei der Opposition Respekt einbrachte. 27 Tage nach ihrem Amtsantritt präsentierte sie in ihrer ersten Regierungserklärung - im gewohnt pointierten Stil - vor dem Bundestag die Grundzüge der neuen Landwirtschaftspolitik, die eine radikale Wende darstellen. "Um es ganz klar zu sagen: Der BSE-Skandal markiert das Ende der Landwirtschaftspolitik alten Typs. Die Verbraucher haben die Faxen dicke. Ab sofort heißt es, wir schützen jetzt die Verbraucher und wir schützen nicht die Masse des Verbrauchs." Der Anteil der ökologischen Produktion soll von derzeit 2,5 auf 20 Prozent innerhalb von zehn Jahren gesteigert werden. Der neue Maßstab sei "Klasse statt Masse". Künast kündigte überdies zwei neue Gütesiegel für Lebensmittel an, eines für Ökoprodukte und eines für konventionell hergestellte Nahrungsmittel. Für Futtermittel soll es eine Positivliste der erlaubten Zutaten geben. Künast blieb am Donnerstag bei den ihr eigenen bildlichen Formulierungen: Wie beim Bier, in das entsprechend des deutschen Reinheitsgebots nur Wasser, Hopfen und Malz komme, müsse gelten: "In unsere Kühe kommt nur Wasser, Getreide und Gras." In Anspielung auf den Schweinemastskandal sagte sie, die Bauern dürften nicht länger "mit der Gießkanne voll Antibiotika quer durch Stall" gehen. Die Bundesregierung werde dafür sorgen, dass Antibiotika aus dem Tierfutter nicht erst 2005, sondern viel früher verbannt werden, sagte Künast. Die Opposition - allen voran CDU-Chefin Angela Merkel, die ihr Rederecht erst gegen Fraktionschef Friedrich Merz erkämpfen musste - kündigte prinzipiell Unterstützung für Künasts Kurs an. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 2. 2001).