Wien - Die Aktienanalysten der Raiffeisenbank Österreich (RZB) sehen für die Wiener Börse bis Jahresende ein zartes Aufwärtspotenzial nach einer mehrmonatigen Schwächephase: Die Leiterin der Aktienanalyse, Birgit Kuras, erwartet den Börseindex ATX bis Ende Dezember bei 1.190 Punkten, also etwa 1,7 Prozent über dem derzeitigen Niveau von 1.170 Zählern (13.00 Uhr). Bis Ende des ersten Quartals dürfte der ATX auf 1.100 Punkte abtauchen, das wäre ein Minus von 6 Prozent, um sich bis zum Halbjahr auf 1.150 und bis September auf 1.140 Punkten zu verbessern. "ATX goes Europe" Die Wiener Börse sollte von den jüngsten Änderungen in der ATX-Zustellung profitieren können, mit denen das Wiener Börsebarometer den Standards führender internationaler Aktienmärkte angepasst worden sei, sagte Kuras am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien: "Der ATX goes Europe". Das bedeute einerseits mehr Transparenz und Vertrauen für den heimischen Index, anderseits auch eine höhere Volatilität sowie die Schwierigkeit, sich von schwächelnden internationalen Börsen zu lösen. Jahr der Konsolidierung Nach der Aufnahme von Aktien der "new economy" wie CyberTron, betandwin oder Telekom Austria in den ATX im Vorjahr sei jetzt ein Jahr der Konsolidierung eingetreten: Bank Austria, Brau Union und Semperit haben den ATX verlassen. Damit nähere sich die Zahl der ATX-Werte wieder der Soll-Marke von 20 Werten und damit einer stabileren Datenbasis. Die derzeitige globale Konjunktursituation schlage auch auf Österreich durch und werde die Gewinne der exportorientierten Unternehmen belasten, erwartet Kuras. Die RZB sieht zwar kein globales Rezessionsszenario, aber auch keinen Boommarkt. Die Inflationsentwicklung sei immerhin so positiv, dass von der Zinsseite keine negativen "Imputs" zu erwarten seien. Im Zuge der "eingetrübten Wachstumseinschätzung" dürften sich auch heimische Industrieunternehmen schwächer entwickeln, meint die RZB. Empfohlen werden die Titel OMV, JoWooD, Pankl Racing Systems und ganz aktuell auch Telekom Austria als "spekulativer Kauf". Schlusslicht im Europavergleich Mit einer Börsekapitalisierung gemessen am Bruttoinlandsprodukt von rund 14 Prozent ist die Wiener Börse im Europavergleich das Schlusslicht mit Respektabstand zu den nächsten Ländern Dänemark und Spanien. In Finnland beträgt die Kapitalisierung der Börse 253 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. "Dribbelspiel Auf ein Revitalisierungskonzept für den österreichischen Kapitalmarkt drängt der Leiter des RZB-Investmentbankings, Gerhard Grund. Die von der neuen Bundesregierung angekündigte Kapitalmarktoffensive drohe sich - trotz einiger positiver Maßnahmen - in ein "Dribbelspiel" zu verwandeln. Mit Maßnahmen wie der steuerlichen Begünstigung der Risikokapitalbeschaffung für mittelständische Unternehmen, einer Forcierung von Pensionskassen und durch mehr "privaten Spekulanten" könnte ein zusätzliches Potenzial von 45 Mrd. S (3,3 Mrd. Euro) für die Wiener Börse lukriert werden. Grund sprach gegen ein "Totjammern" der Börse aus, sondern schlägt "positive Maßnahmen" wie die steuerliche Begünstigung der Risikokapitalbeschaffung für mittelständische Unternehmen vor. Milliardenpotenzial Das Veranlagungsvolumen der Pensionskassen dürften in den nächsten beiden Jahren um rund 100 Mrd. S wachsen. Ein Drittel davon dürften in Aktien der Wiener Börse veranlagt werden, das wäre ein jährlicher Mittelzufluss von rund 15 Mrd. S. Etwa 10 Prozent des jährlichen Nettovermögenszuwachses in Österreich in Höhe von 250 Mrd. S werden laut Grund in Aktien veranlagt, rund zwei Drittel davon in Werte an der Wiener Börse. Daraus ergebe sich ein Veranlagungspotenzial in von rund 18 Mrd. S. Könnte die Veranlagungsquote auf 15 Prozent erhöht und der Anteil heimischer Papiere gesteigert werden, stünden weitere 30 Mrd. S zur Verfügung, rechnete Grund vor. Als positive Maßnahmen für den Kapitalmarkt durch die vor einem Jahr angetretene Bundesregierung hob Grund die Streichung der geplanten Börseumsatzsteuer, die Nichterhöhung der Spekulationssteuer von Aktiengewinnen sowie die Abschaffung der Erschaftssteuer für Aktienanteile unter einem Prozent des Grundkapitals hervor. (APA)