ÖSV-Sportdirekter Anton Innauer (42) hat nach dem Tod seines Freundes Alois Lipburger das Training der Skispringer übernommen, die WM beginnt am 15. Februar. Er hat zunächst das Prinzip, die Mächtigen in Ruhe zu lassen, gebrochen. Das Gespräch führte Christian Hackl.Standard: Hat sich der Sport zu sehr verkauft? Anton Innauer: Nein, der Sport wollte nicht unbedingt mehr Platz haben, er hat ihn bekommen. Auch das Skispringen. Man hat deshalb mehr Möglichkeiten, vom Verdienst her bis zum Stellenwert der Sportler. Es ist eben das einfache Prinzip von Leistung und Gegenleistung. Standard: Der Skiverband geht Partnerschaften mit Medien ein, schließt quasi Eheverträge. Ist es da nicht ein wenig naiv, wenn man sich wundert, dass man betrogen wird? Innauer: Nein. Wenn man einen Vertrag hat, wundert man sich nur noch mehr, wenn man im Stich gelassen wird. Dabei handelt es sich ja nicht um eine reine Goodwill- Aktion zwischen Sponsoren, Medien und Wirtschaft, das ist ja ein Geschäft. Standard: Ist die Distanz zwischen denen, die etwas tun, also den Sportlern, und jenen, die die Leistungen zu beurteilen haben, also auch den Medien, zu gering. Ist man mit dieser Wir-sitzen-alle-in-einem-Boot-Mentalität nicht zu weit gegangen? Innauer: Ich glaube nicht, solange man die gegenseitigen Kernbereiche respektiert und darauf keinen Zugriff hat. Alles, was die sportliche Autorität gefährden würde, darf nicht geduldet werden. Das ist die Grundlage solcher Partnerschaften. Die sportliche Grundlage darf von kommerziellen Dingen nicht gestört werden. Aber natürlich ist das eine Sache der Interpretation. Die Prinzipien, die zur Leistungserbringung und zum Schutz des Athleten notwenig sind, sind klar geregelt. Anhand des jüngsten Beispiels wird klar, wie wichtig das ist. Standard: Ist die Ski-WM in St. Anton nicht der mediale Overkill, totale Überschätzung? Wird ein Chinese in China Weltmeister im Tischtennis, ist das ja auch keine Sensation. Und wurde der Tod von Alois Lipburger nicht sogar Teil dieser Show, dieses Programms? Innauer: Es liegt immer an der Moral der Beteiligten, wie unterschiedlich die Bewertung ausfällt. Es liegt an den Rahmenbedingungen des Spiels, in dem die Medien verpflichtet sind, das irgendwie zu verknüpfen. Das ist in allen Gesellschaftsbereichen so. Die Frage ist, wie bringe ich das unter. Ohne das eine zu sehr zu stören und ohne das andere pietätlos zu machen. Standard: Sie haben die Kronen Zeitung kritisiert, die am Cover die Beine des toten Lipburger zeigte. Sie legten sich mit dem mächtigen Partner an. Ist das Mut oder Selbstverständlichkeit gewesen? Innauer: Ich weiß ganz genau, dass die meisten glauben, sich das nicht leisten zu können. Weil sie ein Abhängigkeits- oder Angstverhältnis spüren und eben meinen, sich den Mächtigen anbiedern zu müssen. Das ist vielleicht eine Frage des Mutes. Aber vielmehr ist es eine der Werte, die man grundsätzlich hat. Wenn man wie ich aus dem Sport kommt und seine Leistungen in erster Linie sich selbst und nicht einer Vernetzung von Beziehungen zuzuschreiben hat, dann greift man in so einer Situation, die dich emotional belastet, auf das frühere Strickmuster zurück. Ich habe mich immer auf mich selbst verlassen können, traue mich zu sagen, wo es stinkt. Viele andere sind im Netzwerk drinnen, machen das nicht. Wiewohl auch ich weiß, dass ich die Leistungen zwar selbst erbracht habe, aber die Bedeutung von den Medien multipliziert wurde. Aber es war etwas da. Und deshalb kann ich auch ohne diese Unterstützung auskommen. Standard: Ist der Sport an sich, also der Wettkampf, uninteressant geworden? Ist er zum Drumherum, zur Show, zur Inszenierung verkommen, in der es mitunter um das Fallen von Schamgrenzen geht? Innauer: Schlicht und einfach gleitet es in die Dimension der Unterhaltung ab, aber es ist nach wie vor eine hochwertige, die der Sport bietet. Das Ereignis ist nur einer vorgebildeten Gruppe zuzumuten, da musst du etwas wissen, damit du dich unterhalten kannst. Um größere Mengen erfassen zu können, muss man emotionalisieren und Bereiche erschließen, die nur Show sind. Da geht’s um Quoten. Standard: Reality-TV ist nicht die wirkliche Wirklichkeit, täuscht der Sport auch nur etwas vor? Innauer: Mit dem Unterschied, dass im Sport die Zuschauer mitkriegen, dass es schon das wirkliche Leben ist, was da gefilmt wird. Zum Teil. Zumindest die Abfahrt, das Springen sind kein Spiel. Der ist wirklich von der Schanze gesprungen. Das ist echt. Genau wie die Angst davor, die Gaudi oder die Enttäuschung danach. Echt ist auch, wie der Maier dreinschaut, wenn der Eberharter Bestzeit fährt. Standard: Gibt es Momente, in denen der Sportler sich unbeobachtet fühlen kann und echt sein darf? Innauer: Im Prinzip nein. Man handelt so, als würde hinter der nächsten Ecke ein Fotograf lauern. Wenn der Sportler am Start steht, ist es wurscht. Denn es wäre schizophren, würde er überlegen, wie soll ich dreinschauen, damit ich gut rüberkomme. Standard: Das heißt, ein Springer kann nur während des Fluges privat sein. Innauer: Es zielt darauf hin. Wir müssen von der Betreuerseite her Enklaven schaffen, das ist unsere wichtigste Tätigkeit. Stätten der Ruhe, wo gearbeitet werden kann. Standard: Wie sollten sich die Medien während der WM in Lahti den Springern gegenüber verhalten? Pervers gefragt: Könnte der Tod von Lipburger sogar zu einer Leistungssteigerung führen, weil sie es für ihn tun wollen? Innauer: Es hat sich vom Kräfteverhältnis her nichts geändert. Wir stehen, wo wir stehen, müssen das Unglück physisch und psychisch verkraften. Wir müssen für uns ein Konzept entwickeln, wie wir damit umgehen können und wollen. Man sollte uns am besten normal beurteilen. Der Tod von Alois sollte keine Erklärung sein. Weder für Siege noch für Niederlagen. Standard: Martin Höllwarth lenkte den Unfallwagen. Könnte für ihn die mediale Ablenkung bei der Bewältigung des Erlebten sogar hilfreich sein? Innauer: Das glaube ich nicht. Wir werden ihn freispielen, eher abschirmen. (DER STANDARD-Printausgabe, Samstag, 10. Februar 2000)