Hörte man zwischen 1997 und Frühjahr 2000 beinahe täglich Jubelmeldungen über die New Economy, so schlägt das Pendel nun in die entgegengesetzte Richtung aus. Die hoch gepriesenen Dotcoms befinden sich in einer veritablen Krise, viele sind nach kurzer Zeit bereits wieder vom Markt verschwunden. Allerdings nicht, ohne zahlreiche Anleger und Investoren um große Mengen Geld erleichtert zu haben. Günter Fuhry, New-Economy-Experte bei McKinsey, beurteilt diese Entwicklung weniger als "Horrorszenario", sondern als Fortschreibung des historischen Trends und damit insgesamt sogar positiv. "Genügten potenziellen Start-ups bis vor kurzem noch drei handgeschriebene Zettel, um eine Finanzierung zu bekommen, so ist die Zeit für derartigen Schwachsinn in der New Economy wohl endgültig zu Ende", sagt Fuhry. Die Frage sei nur, ob man sich bei der Betrachtung der derzeitigen Situation der Dotcoms auf die Positiv- oder Negativbeispiele konzentriere. "In Österreich herrscht die Tendenz vor, ein halb volles Glas halb leer zu sehen." Auch in den USA sei die Erfolgsrate von Unternehmensneugründungen in der New Economy Ende der Neunzigerjahre bei nur etwa 20 Prozent gelegen. Acht von zehn Start-ups hätten also auch in Amerika geflopt. "Erfolg bedeutet in diesem Zusammenhang nicht unbedingt selbstständiges Fortbestehen, sondern nur eine angemessene Verzinsung des eingesetzten Kapitals, beispielsweise auch durch Verkauf oder Übernahme", schränkt Fuhry ein. Daher könne man davon ausgehen, dass die selbstständige Fortbestehensrate unter zehn Prozent liege. Heute würden sich potenzielle Kapitalgeber bei Geschäftsplänen wieder vermehrt auf Umsatz, Kosten, Mitarbeiterzahlen und Ergebnis konzentrieren. Daher sei ein ausgereifter Geschäftsplan mit einer möglichst konkreten Beschreibung der Geschäftsidee und des Kundennutzens für Jungunternehmer von besonderer Bedeutung. Günter Fuhry rät Jungunternehmern, "im ersten Schritt ruhig groß zu denken und das Anspruchsniveau hoch anzusetzen". Für Venture-Kapitalgeber sei "alles andere als ein Wachstum von 20 Prozent uninteressant". Unternehmen mit zu wenig Wachstumspotenzial seien auch "volkswirtschaftlich problematisch", so der Experte von McKinsey. Für die nächste Zukunft rechnet Fuhry mit einer weiteren Normalisierung des "Dotcom-Hypes". Man bewege sich vor allem im Internetbereich in einem "historisch nie dagewesenen Wachstumsmarkt". Dieser Markt werde auch "den Rahmen schaffen, dass sich Erfolgreiche durchsetzen", schätzt Fuhry. Die "Gesundschrumpfung" der New Economy werde auch den Bereich des Venture-Kapitals betreffen. Venture-Kapitalgebern empfiehlt Fuhry eine "möglichst eng definierte Spezialisierung". Auch wenn Fuhry von einer "korrigierteren Entwicklung der New Economy" ausgeht, stehen seiner Einschätzung nach das Internet und Geschäfte, die auf dieser Technologie beruhen, erst vor dem wirklichen Boom. So stünden große Unternehmen erst am Anfang bei der Nutzung von E-Commerce-Anwendungen. Das E-Transaktionsvolumen werde sich nach Berechnungen von McKinsey bis zum Jahr 2004 verfünf- bis versiebenfachen, der Internet-Traffic werde jährlich um 100 Prozent oder mehr wachsen. "Die Rahmenbedingungen werden also eine gute weitere Entwicklung der New Economy zulassen", ist Fuhry optimistisch. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 10./11. Februar 2001, zwi)