Wien - "Wir sitzen in der Fortschrittsfalle." Erhard Geisler, Geschäftsführer der Pharmig, einer Interessenvertretung der Pharmaindustrie, spricht im S TANDARD -Gespräch aus, was andere nur als "letzte Maßnahme" am Horizont des politisch Möglichen benennen. "Beitragserhöhungen kommen so unabänderlich wie die Schwerkraft." Es gebe immer bessere, und damit teurere Arzneien, die man kranken Menschen - trotz Kassendefizit - schwer vorenthalten könne, meint Geisler: "Über die Medikamentenkosten kann man das Kassendefizit nicht sanieren." Als eine mögliche, kostendämpfende Maßnahme schlägt Geisler die Senkung der Mehrwertsteuer auf Medikamente von derzeit 20 auf 10 Prozent vor.

Die Entwicklung im Medikamentensektor verdeutlicht die neue österreichische Gesundheitsstudie 2001, die unter anderem von Maria M. Hofmarcher vom Institut für Höhere Studien für die Weltgesundheitsorganisation WHO angefertigt wurde. Demzufolge ist die Zahl der Verordnungen von Medikamenten seit den 90er Jahren stetig gestiegen (pro Jahr um 2,5 Prozent). 1990 wurden pro Person 10,5 Verordnungen registriert, 1998 etwa 12. Im selben Zeitraum sind die Ausgaben der Kassen für Arzneimittel aber gleich viermal so schnell gestiegen wie die Zahl der Verschreibungen - mit erheblichen Kosteneffekten. 1998 wurde ein Fünftel der gesamten Kassenausgaben für Medikamente aufgewendet.

Apothekerkammerpräsident Herbert Cabana wies indes im STANDARD-Gespräch Vorwürfe wegen vermeintlich zu hoher Gewinnspannen bei Arzneien zurück. In Österreich seien die 50 international am häufigsten verschriebenen Medikamente um 20 Prozent billiger als in Spanien.

Lob für die Apotheker gab es von Gesundheitsstaatssekretär Reinhart Waneck (FP). Deren "Selbstbescheidungskonzept" soll den Kassen 200 Millionen Schilling bringen. Ein mit der Pharmig ausverhandeltes Paket (Rücknahme der Großhandelsspanne auf Stand 1998, ein ökonomischeres Verschreibe-Programm) weitere 1,5 Milliarden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 2. 2001)